Der Fehler im Plan

Werner Hilse. Den Namen sollte man sich merken, denn er gehört einem Mann, mit dem ich nichts zu tun haben möchte und vermutlich dürften die meisten anderen Veganer das genauso sehen. Er ist der Präsident des Niedersächsischen Landvolkes, Besitzer eines riesigen Bauernhofes und außerdem noch Funktionär in zahlreichen anderen Verbänden.1 Er ist meiner Auffassung nach überaus expansionistisch und betrachtet es scheinbar, als verschwenderisch, wenn ein Land agrartechnisch nicht vollumfassend (gemäß technischer Möglichkeiten) genutzt wird. Aus diesem Grund ist sein Hof auch technisch extrem modern ausgestattet.2 Computer überwachen 24/7 seine Tiere und deren Gewicht. Was automatisierbar ist, dürfte bei ihm automatisiert sein. Außerdem erhält er aufgrund seines großflächigen Betriebes hohe Zuwendungen aus Brüssel.2 Die EU will natürlich die Versorgung der Bürger sicherstellen. Hilse betrachtet es als notwendig technisch auf dem Laufenden zu bleiben und als gut und richtig Massentierhaltung zu betreiben.2 Das Wort „Masse“ benutzt er in dem Zusammenhang auch gänzlich ungeniert, mehrere Tausend Tiere seien nunmal eine Masse.2
Doch ist das wirklich nötig um die Menschen zu ernähren? Oder gibt es in der Denke von Hilse und aller Menschen die das ähnlich sehen nicht einen schwerwiegenden Fehler?

Um das zu klären, müssen wir uns erstmal angucken, warum Menschen überhaupt Allesfresser sind. Omnivor zu sein ist nichts Vorherbestimmtes, lediglich die theoretische Fähigkeit sich omnivor zu ernähren ist einer Spezies entweder gegeben, oder verwehrt. Die praktische Fähigkeit sich omni- oder carnivor zu ernähren ergibt sich aus weiteren Fähigkeiten. Raubtiere sind häufig schnell und haben tödliche Waffen schon direkt an Bord (Krallen, Zähne, Gift, etc.), daher können sie andere Tiere fangen und schnell töten. Spinnen sind geschickte Hausbauer, wer bei ihnen zu Besuch ist, kommt auf den sprichwörtlichen Teller. Wir sprechen hier von Anpassung. Darwin formulierte den evolutionären Grundsatz: „Der Anpassungsfähigste überlebt.“ Und obwohl ich NS-Vergleiche normal scheue ist, er hier notwendig, denn die Nazis interpretierten das um und daraus wurde: „Der Stärkere überlebt.“ Ein Sprichwort, das sich bis heute – trotz seiner Falschheit – wacker hält. Der stärkste überlebt nämlich eben nicht! Mammuts sind ausgestorben, Dinos ebenfalls. Einige noch lebende Arten sind stark, aber stehen am Rande der Ausrottung, wenigstens in manchen Teilen der Erde. Jetzt mag der ein oder andere sagen, dies wäre ja gerade ein Beleg dafür, dass der stärkere überlebe, denn der Mensch sei ja stark. Tja nun, das ist so falsch, wie es dumm ist. Menschen sind nicht stark, Menschen sind auch nicht sonderlich schnell und tödliche Waffen haben wir auch nicht im Mund oder an den Händen. Alles, was der Mensch besitzt, ist ein Großhirn mit unvergleichlich viel Oberfläche, einzigartig im Tierreich. (Und ja, der Mensch ist ein Tier, ein Säugetier.) Zu behaupten wir seien die Stärksten ist extrem anthropozentrisch, aber wir sind hochgradig anpassungsfähig und darum gibt es uns noch.

Und diese Anpassung bestand ursprünglich daraus zu essen, was da war, um zu überleben. Jäger und Sammler. Mit zunehmendem Fortschritt konnten sich die Menschen den Widrigkeiten der Natur immer weiter entziehen, das Überleben an sich stellte immer weniger Probleme dar. Doch im Laufe dieser Zeit hat der Mensch zwar alte Schwierigkeiten überwunden, die alten Verhaltensweise jedoch beibehalten. Heutzutage wird Fleisch nicht mehr gegessen, weil es nötig wäre, sondern aus reiner Gewohnheit! Der Geschmack ist ein Argument, das ich nur halb zählen lasse, denn ein gebratenes Steak schmeckt nach Fleisch, alles andere schmeckt nur so, wie es gewürzt wurde und das ist bei Seitan, Tofu und Sojaschnetzeln genauso. Daher ist Fleisch im Grunde genommen ein traditionelles Nahrungsmittel. Dinge wie Pflanzenmilch, pflanzlicher Käse (bspw. Tofu), etc. sind hingegen – zumindest im Westen – weitestgehend neuartige Lebensmittel. Natürlich ist etwas Traditionelles nicht automatisch schlecht, aber Traditionen müssen immer mal wieder überdacht werden. Und genau in diesem Punkt wird mir selbst ein Herr Hilse zustimmen, denn von traditioneller Landwirtschaft ist er ja nicht gerade überzeugt.

Aber der Fehler liegt trotzdem im Plan von Herrn Hilse, denn die Ressourcen der Erde sind eben nicht optimal genutzt, wenn man riesige Landflächen mit Pflanzen zukleistert, nur um diese Pflanzen dann an Tiere zu verfüttern, die dann an Menschen verfüttert werden. Problematisch an der Sache ist, dass erhebliche Ressourcen dafür eingesetzt werden müssen, um Fleisch zu „produzieren“, als die daraus resultierende Nahrungsmenge rechtfertigen würde. Oder anders ausgedrückt: Der Output steht in einem sehr schlechten Verhältnis zum Input. Das betrifft die große Menge eingesetzter Futtermittel, jedoch auch Dinge wie Treibstoff und Klima. Würde sich ein jeder Mensch vegan ernähren, so könnten bedeutend mehr Menschen ernährt werden, als es mit tierischen Produkten der Fall ist. Es ist ökonomischer, umweltfreundlicher und nachhaltiger sich vegan zu ernähren. (Natürlich steckt da weniger Geld drin.) Herr Hilse muss das ja eigentlich nachvollziehen können, denn sein Anliegen ist ja, die Ernährung der Menschheit, das macht er ziemlich deutlich, indem er sagt, dass es kein Zurück zu konventioneller Landwirtschaft gebe.2 Hilse geht sogar noch weiter: „Ein Verschenken der heutigen Ressource ist in meinen Augen eine Beihilfe zum Hungern.“2 Das sehe ich indes ganz genauso, darum: Go vegan! zur optimalen Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Ich frage mich: Was ist es, wenn man alle Ressourcen nutzt wie bisher und weite Teile des Regenwaldes abholzt, um dort Futtermittel anzupflanzen? Beihilfe zum Ersticken? (Siehe unten.)

Werner Hilse, ein Powermann. Wenn man sieht, in wie vielen Organisationen er tätig ist kann man schon ins Staunen kommen. Er ist nicht nur – wie bereits gesagt – Präsident des Landvolkes Niedersachen, und damit der Vertreter für sehr viele Bauern in Niedersachsen. Nein, er ist auch Mitglied einiger Aufsichtsräte1, und damit in Konzernen die nicht die Interessen der Bauern vertreten, sondern die der Industrie.2 Diesen Interessenkonflikt gibt Herr Hilse auch offen zu und gesteht ein, dass eine Tätigkeit als Aufsichtsrat mehr Einkünfte mit sich bringt, als die im Landvolk.2 Der Mann ist immerhin ehrlich.

Warum ist die vegane Ernährung… Umweltfreundlicher?
Eines der am häufigst genannten Argumente gegen vegane und vegetarische Ernährung ist, dass für Sojaprodukte riesige Flächen Regenwaldes abgeholzt werden. Das ist faktisch richtig, doch wie oben und in anderen meiner Artikel bereits festgestellt, ist Soja ein ausgezeichnetes Futtermittel. Sojaschrot und Okara sind aufgrund des hohen Eiweißgehaltes ideal. Heu und Stroh – welches für Menschen nicht verwertbar ist – wird nur noch bedingt als Futtermittel eingesetzt. Zu gering ist der Energiegehalt. Neben Soja ist u. a. auch Getreide ein Mittel der Wahl. Beides sind ebenfalls für den Menschen wichtige Nahrungsmittel. Wenn diese also für „Nutztiere“ verbraucht werden, müssen sie extra dafür angebaut werden.
Und das nicht zu knapp! 60 % allen Getreides und 70 % aller Ölsaaten (darunter Soja) werden inzwischen als Futtermittel eingesetzt!3 Und der Rest dieser Angaben wird nicht ausschließlich als Nahrungsmittel für den Menschen aufgebraucht, sondern auch für Treibstoff und andere Produkte.3 Es ist klar, dass bei derartigen Mengen die vorhandenen Anbauflächen nicht mehr ausreichen. Regenwaldvernichtung ist eine logische Konsequenz der tierischen Ernährung. Regenwaldflächen sind vergleichsweise billig zu haben und bieten nach der Rodung große Fläche. Mehr dazu hier: Vegane Regenwaldvernichtung.

Damit einher geht natürlich eine hohe Umweltbelastung, nicht nur durch die Landnutzung, sondern auch aus klimatechnischer Sicht. Während der aktuelle „Klimawandel“ als Ganzes doch bezweifelt werden darf, ist Kohlenstoffdioxid doch ein „Klimagas“. Dieses entsteht – wie wir alle wissen – u. a. bei der Verbrennung vieler Kraftstoffe. Kraftstoff wird auch dringen benötigt, wenn man Futtermittel in Regenwäldern anbaut und dann auf die ganze Welt verteilen möchte. Erst mit LKW, dann mit Schiffen und dann wieder mit LKW, bis die Futtermittel dann endlich beim Landwirt vor Ort ankommen. Dabei werden große Mengen CO2 freigesetzt.4
Kohlenstoffdioxid wird durch Fotosynthese von Pflanzen in u. a. O2 umgewandelt. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Bäume haben einen hohen CO2-Umsatz und daher wird der Regenwald auch als „grüne Lunge“ bezeichnet. Aus gutem Grund! Durch tierische Nahrungsmittel wird also nicht nur Kohlenstoffdioxid produziert, sondern auch dessen Abbau reduziert (durch die Rodung des Regenwaldes). Tierische Nahrungsmittel sind doppelt umweltschädlich!
Zwar gibt es dieses Problem bei keiner Ernährungsform zwangsläufig und bei veganer Ernährung ist dies nicht automatisch besser, aber bei tierischer Ernährung ist es tendenziell schlimmer. Der Grund dafür liegt darin, dass große Mengen pflanzlicher Nahrung benötigt werden, um Tiere zu mästen und daraus vergleichsweise geringe Mengen Nahrung zu gewinnen.

Warum ist die vegane Ernährung… Nachhaltiger?
Genau gesagt braucht man für 1 kg…

  • …Hühnerfleisch 2,1 kg Getreide.
  • …Schweinefleisch 4,0 kg Getreide.
  • …Rindfleisch 9,0 kg Getreide.

(Es muss angemerkt werden, dass das im Einsatz befindliche Futtermittel effizienter ist, da es mehr Kalorien pro kg enthält.)5 Dies ergibt sich aus dem täglichen Grundumsatz, denn ein Tier kann nur zunehmen, wenn es am Tag mehr Energie aufnimmt als es verbraucht. Genau darum wird in Massentierhaltung auch versucht, der Energieumsatz der Tiere gering zu halten und möglichst noch unter den Grundumsatz zu bringen. Betrachten wir einmal die Zahlen:
Ein Schwein braucht pro Tag etwa 9.200 kJ (2.197 kcal), ein Mensch pro Tag etwa 7.000 kJ (1.627 kcal).6 (Angaben vermutlich bezogen auf den Grundumsatz adulter weiblicher Tiere.) Allein um ein ausgewachsenes Schwein also am Leben zu halten, braucht es 570 kcal mehr pro Tag, als eine durchschnittliche Frau. Gerste, welches ein besonders häufig verwendetes Futtermittel ist3, hat pro essbarem Anteil 1.320 kJ/100 g (315 kcal/100 g). Unsere Beispielfrau bräuchte zum (Über-)Leben also wenigstens ca. 500 g Gerste, unser Beispielschwein fast 700 g. Das Schwein aus dem Beispiel nimmt jedoch 4.000 g Getreide täglich auf.5 Am Beispiel Gerste wären das 12.600 kcal jeden Tag! Davon können fast acht unserer Beispielfrauen von (über-)leben.
Hunger in der Welt gibt es nur aufgrund von tierischer Ernährung! Denn ohne Masttiere gäbe es wahrlich genug Nahrungsmittel auf der Welt.
Ich sage also: Alle Ressourcen aufzuwenden um die tierische Ernährung beizubehalten ist in meinen Augen Beihilfe zum Hungern! Denn ohne könnte die Menschheit nachhaltig leben, ohne Hunger leiden zu müssen.

Warum ist die vegane Ernährung… Ökonomischer (wirtschaftlicher)?
Wirtschaftlichkeit bedeutet, die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen. In Anbetracht der soeben erbrachten Erkenntnisse erübrigt sich die Frage also mit einem Schlag. Alle Menschen würden viel mehr zu essen haben, wenn sie sich vegan ernähren würden. Es wäre also wirtschaftlich.
Zur Verdeutlichung noch eine Rechnung: 100 g Gerste haben wie gesagt 315 kcal. 100 g Schweinskotlett nur ca. 120 kcal. Das wäre nur dann wirtschaftlich, wenn pro 100 g Gerste 300 g Schweinefleisch bei raus kämen. Nur ist dem eben nicht so.

Damit wollen wir es für heute gut sein lassen. Ich glaube mit moralischen und ethischen Gesichtspunkten muss ich an dieser Stelle nicht anfangen, denn ob diese Herrn Hilse überzeugen würden bezweifele ich.

Ach übrigens: Herr Hilse rechtfertigt Massentierhaltung mit dem Argument, dass auch Menschen bei einem Fußballspiel im Stadion auf engstem Raum zusammengepfercht sind… Ja… Da fehlen dann sogar mir die Worte.

Schlussbemerkungen:

Ich möchte betonen, dass ich hier lediglich berechtigte Kritik an den Aussagen von Herrn Hilse in der NDR-Dokumentation 45 Min: Kleine Brauern – Große Bosse vorgebracht habe. Ich fälle kein Urteil. Auf Basis der hier vorgebrachten Argumente und denen von Herrn Hilse bitte ich einen jeden Leser, sich eine eigene Meinung zu bilden. Alle hier getroffenen absoluten Aussagen entsprechen dabei meiner persönlichen Ansicht nach Kenntnisnahme der hier aufgeführten Fakten.
Aufgestellte Rechnungen sind als Beispielrechnungen zu verstehen und können von der Realität abweichen, was für ihre allgemeine Aussagekraft jedoch unschädlich sein müsste.
Gegendarstellungen über die von wordpress.com zur Verfügung gestellte Kommentarfunktion werden in Ihrer Gesamtheit nicht zensiert! Eine Ausnahme sind dabei Schimpfwörter, Schmähkritik und Ähnliches. Es steht also allen angesprochenen Personen frei, sich innerhalb dieses Blogs zu den vorgebrachten Punkten zu äußern. Sollte sich jemand persönlich angegriffen fühlen, so entsprach dies nicht meiner Absicht und wird bei einem Hinweis darauf sofort von mir behoben werden, sofern objektiv tatsächlich eine problematische Formulierung oder Aussage vorliegt. Darüber hinaus versteht sich dieser Artikel als journalistisch.

2NDR: 45 Min: Kleine Bauern – Große Bosse (25.03.2013 – http://www.ardmediathek.de/ndr-fernsehen/45-min/kleine-bauern-grosse-bosse?documentId=13864450# – Abgerufen am 01. Aug. 2013)

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