Gewalt erzeugt Gegengewalt

Ohje, der nächste. Wir können langsam eine lange Schlange bilden und Eintritt verlangen: Immer häufiger lese ich ganz furchtbaren Mist von Omnivoren, wie auch von Herbivoren. Sarkasmus, Hohn, Vorwürfe und schlechtes Gewissen sind an der Tagesordnung. DERP!

Auslöser war diesmal nachstehend verlinkter Posting, den ich auch nur über Mausflaus’ Blog gesehen habe: http://textpluswebdesign.de/blog/vegetarier-veganer-tot/
Wie gesagt: Auslöser, Ursachen gibt es sehr viel mehr.

Was ist bitte in die Leute gefahren? Ist denn alle Welt verrückt geworden!?
Die Argumente von einigen Fleischfressern sind der größte Schwachsinn, den sich ein Mensch seit dem Ententanz je ausgedacht hat, aber gibt das dem Veganer das Recht auch noch seinen Verstand in der Garderobe aufzuhängen? Alle beide: In einen Sack und drauf hauen, man trifft nie den Falschen, denn keiner ist besser als der andere.
Auch wenn die Argumentation des anderen dämlich ist und einen womöglich sogar beleidigt, sobald man darauf anspringt und seinerseits zurück faucht, gießt man nur Öl ins Feuer.

Je mehr vegan zum Trend wird – sexy Attila Hildmann sei Dank – desto mehr rasten eingeschworene Fleischesser aus. Warum? Ich habe nur zwei schlappe Erklärungen:
Ausbruch aus der kollektiven Schuld? […] Schlechtes Gewissen?

Da fehlt der Autorin womöglich da psychologische Gespür. Die wenigsten Konventionellen dürften sich überhaupt mehr Gedanken als nötig darüber machen. Wozu? Bei jedem Bissen ein Vorwurf und Futter für das schlechte Gewissen? Nein. Hier ist ein viel naheliegender Grund: Der Konventionelle fühlt sich bedroht.
Warum ist das so? Na ganz einfach: Wenn man irgendwas anders macht als der Gegenüber MUSS man klarstellen, dass man nicht über die Lebensweise des anderen urteilt und keine Missionsarbeit leisten will. Alles andere provoziert und zwingt den Anderen doch geradezu in eine Abwehrhaltung. Der Omnivor möchte nicht, dass ein Veganer ihm ein schlechtes Gewissen macht und das verdammt nochmal zu Recht: Ein schlechtes Gewissen macht langfristig krank. Es ist auch niemals der einzige Grund für eine Umstellung der Ernährung, weil ein schlechtes Gewissen eher lähmt als antreibt.

Ich habe auch schon erlebt, dass andere gegen meine Ernährung argumentiert haben. Natürlich! Jeder Veganer kennt das. Doch wenn man klarstellt, dass man nicht über den anderen richten will und stattdessen kompetent die Fragen beantwortet kommt man zu einer wichtigen Erkenntnis: 99 % aller Menschen wollen einfach nur wissen, WIE es funktioniert. WIE man als veganer ohne Mangel leben kann. Und da ist es egal, ob es aufgeschlossene Fragen oder direkt Argumente gegen vegan sind, treibende Kraft ist die Neugier. Also nicht immer sofort angegriffen fühlen, wenn euch irgendjemand komisch kommt, bis auf wenige Ausnahmen ist kein wirklicher Angriff beabsichtigt.
Wenn mir ein Übergewichtiger meinen Tod vorhersagt, mache ich mich nicht über sein Gewicht lustig, sondern erkläre ruhig und sachlich, warum er damit vermutlich falsch liegt. Wenn ich ihm sage, dass er der viel wahrscheinlichere Kandidat ist, muss ich mich nicht wundern, wenn er weiterhin unfreundlich bleibt. Und wenn jemand schon denkt, dass es „veganisch“ oder „veganesisch“ heißt, dann bedeutet das nur, dass die Person sich damit überhaupt nicht auskennt. Also: Bildungsauftrag wahrnehmen.

Ebenso verblüffend wie unverschämt: Menschen, die selbst zu keinerlei Verzicht bereit sind, verlangen von mir im Gegenzug die totale Askese[.]

Dasselbe wie eben. Zugegeben: Es ist nervig, auf seine Lederwaren angesprochen zu werden. Aber auch wenn es noch so nervt, kann man einfach darauf verweisen, dass man eben nicht vegan lebe, sondern sich nur vegan ernähre. Denn den Unterschied kennen sehr viele Leute nicht und darum machen sie diesen Fehler. Aufklärung statt Gegenbeschuldigung, das ist der bessere Weg. Miteinander, statt gegeneinander.

Man will mir mit allen Mitteln beweisen, dass ich keine Heilige bin. Dabei ist das überhaupt nicht nötig. Es gibt noch genug zu tun – auch in meinem Leben. Das weiß ich. Ich bemühe mich.

Perfekt. Das zeugt von Selbstreflektion. Aber das muss man auch mitteilen. Fehler eingestehen und  dazu stehen. Jeder der sich wie ein Heiliger gibt wirkt arrogant und mit dem will man nicht wirklich was zu tun haben. Also klar stellen, dass man sich nicht als besseren Menschen betrachtet, nur weil man keine Tiernahrung zu sich nimmt. Das schafft Sympathie. Denn wie kann man Akzeptanz von jemandem erwarten, den man selbst nicht akzeptiert?

Wer den Veggie-Day als unerträgliche Bevormundung empfindet, der kann ja heimlich zu Hause noch ein Würstchen essen und sich über diesen kleinen persönlichen Staatsboykott ins Fäustchen lachen. Revolution!

*seufz* Wenn man so provoziert muss man sich wirklich nicht wundern wenn einen kein Konventioneller mag. Wenn ich als Braunschweiger in Hannover mit einem kompletten Outfit in den Farben Blau-Gelb mit ner roten Raubkatze auf der Brust rein marschiere und erstmal verkünde wie scheiße Hannover 96 doch sei, finde ich da auch keine Freunde mehr. (Ich mag Fußball übrigens nicht und mir sind beide Vereine völlig egal.)
Meine Meinung zu dem „Veggie-Day“ habe ich bereits kundgetan, aber ich sage es auch gerne noch einmal: Alles, was auch nur noch so entfernt nach Zwang riecht, formiert quasi von selbst eine radikale Opposition. Bildung und Aufklärung ist der bessere Weg.

So… Jetzt hat eine Veganerin die volle Ladung abbekommen. Aber ich will abermals klarstellen: Ich könnte viele der genannten Punkte auch auf einige Omnivore anwenden.
Und noch eine kleine Geschichte von meiner Seite:

Gelegentlich kommt es vor, dass ich mit anderen Konventionellen und z. T. Leuten, die ich gar nicht kenne, zusammen irgendwo diniere. Natürlich kündige ich der Küche dann lange vorher an, dass ich komme und bitte um eine vegane Alternative zu den servierten Speisen. Meist ist das kein Problem, wenn das vorher angekündigt ist. Meist bekomme ich dann auch nicht nur matschigen Brokkoli mit Kartoffeln, sondern wirklich ansehnliche Speisen. Einmal war es eine Pilzpfanne bestehend aus Pfifferlingen. Pfifferlinge! Das ist der Hauptgewinn und der Neid ALLER Tischnachbern war mir gewiss. Ich höre dann immer wieder Aussagen wie: „Ich glaub ich werd auch Veganer.“ Das ist perfekt. Das ist doch eine drölfzillion mal besser, als die Leute abschätzig anzuschauen und ihnen zu erklären, dass sie grausame Tiermörder seien.
Und ich garantiere euch: Wenn ohne jeden „Veggie-Day“ Bullshit auf den Speiseplänen der Kantinen eine vegane Pilzpfanne mit reichlich Pfifferlingen erscheinen würde, nicht wenige würden sie bestellen.

So long…

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2 Gedanken zu “Gewalt erzeugt Gegengewalt

  1. Hello!

    Ich habe den zitierten Blogbeitrag verfasst. Das war doch alles gaaaanz anders!!! Also erstmal fühle ich mich sehr geehrt, dass du meinen Beitrag so sorgfältig gelesen hast. Der Beitrag ist kurz nach dem Posten so dermaßen explodiert, ich bin immer noch ganz fassungslos, wie oft er geteilt und vorwiegend positiv kommentiert wurde. Veganer haben DOCH Humor. Die meisten. Aber: Es ist eine Glosse und nicht so wahnsinnig ernst zu nehmen, wie du es hier tust.

    Das Essen und den 100-Kilo-Mann hat es wirklich gegeben. Ich habe nullkommanull missioniert und kein Wort über meine Ernährungsweise verloren. Ich habe einfach nur kein Fleisch gegessen. Allein das hat aber meinen Tischnachbarn derart provoziert, dass ER sich veranlasst sah, MICH zu missionieren. Mit dem wichtigen tierischen Eiweiß, mit meinen Blutwerten, mit meinem Selbstmord auf Raten. Es ist mir nicht gelungen, das Thema zu beenden. Ich wollte mich gerne noch mit den anderen Personen unterhalten. Ich durfte das nicht. Ich hatte kurz Angst, dass er mir gewaltsam ein Stück Rind zwischen die Zähne pressen würde.

    Erst nach einem Wechsel des Lokals gelang es mir, einen verbal unüberbrückbaren Abstand zu dem missionarischen Fleischesser einzunehmen. Einen Bildungsauftrag wahrzunehmen, dazu fühle ich mich nicht befugt. Das hätte den Mann auch gar nicht interessiert. Im Gegenteil: Ich vermute, sachliche Aufklärung hätte ihn nur noch weiter provoziert. Neugier als treibende Kraft für Informationen? Bei meinem Kandidaten Fehlanzeige. Der wollte mich retten – und sich gleich mit.

    Das mit dem Ausbruch aus der kollektiven Schuld und dem schlechten Gewissen und so, das habe ich also nicht provoziert. Ich glaube, dass sich das ganz unbewusst abspielt. Irgendsoein undefinierbares Unwohlsein in den Tiefen des Unterbewusstseins ist schuld daran, dass Fleischesser so vehement und zum Teil erschreckend aggressiv auf Veganern und Vegetariern rumhacken. Da gab es in der Tat ein paar irre Kommentare zu meiner Glosse, die unter anderem beweisen, dass der Genuss von tierischem Eiweiß offensichtlich einen gravierenden Humormangel zur Folge hat. ;)

    Also, hau bitte nicht zu fest drauf auf den Sack, in den du mich gesteckt hast.

    Beste Grüße,
    Birgitte Tüpker

    • Oh, hallo Birgitte – ich darf doch du sagen? – freut mich, dass du den Weg hier her gefunden hast. Eine Gegendarstellung der Urheberin, besser geht es nicht. :-)

      Zunächst einmal ist mir natürlich klar, dass dein Beitrag satirischer Natur ist. Ich habe es auch nicht so Bierernst genommen, sonst hätte ich es nicht im Gonzo-Stil kommentiert. Aber da ich seit Beginn dieses Blogs predige wie gefährlich sowas werden kann war es mir wichtig darauf zu reagieren.
      Du sprichst von mangelndem Humor, dabei müsste dir allein anhand dessen doch auffallen, dass gerade konventionelle Esser Satire nicht mehr als solche wahrnehmen. Ursache dafür ist der Beziehungsaspekt nach Watzlawick. Nachzulesen hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Watzlawick#Inhalt_und_Beziehung
      Das bedeutet: Ein Konventioneller, der zu Veganern eine schlechte Beziehung hat, wird automatisch dazu neigen alles von einem Veganer negativ, also als Angriff auf seine Person zu werten. Darüber muss man sich beim Verfassen im Klaren sein! Natürlich versteht ein Veganer deine Glosse sofort als solche, da die Beziehung positiv ist. Also kein Problem mit den Proteinen, sondern simple Kommunikationslehre. ;-)
      Daher ist es eben auch nicht irgendein unterbewusstes Schuldgefühl. Einfach die automatische Annahme, man müsse sich verteidigen weil mal wieder ein Veganer unterwegs ist. Da neigt dann der ein oder andere sogar zum Präventivschlag, um nicht wieder ein schlechtes Gewissen eingeredet zu bekommen.Meiner Ansicht nach nur zu verständlich. Und auf der anderen Seite die mangelnde Bildung in dieser Richtung. Das ist natürlich auch nur meine Theorie. Aber ich halte sie für wahrscheinlicher, aus eigener Erfahrung.

      Du scheinst bei dem guten Mann eine renitentere Art getroffen zu haben, aber er ist nur ein Beispiel. Meiner Erfahrung nach sind das ganz seltene Ausnahmen.

      Viele Grüße

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