Der einsame Demonstrant

Lasst mich euch ein Bild malen, da ich euch kein Foto zu zeigen vermag:
Ein Mann mit Vollbart, sein Alter ist schwer zu schätzen so aus der Entfernung. Er fährt auf einem Fahrrad durch die Straßen von Braunschweig, während Braunschweig selbst den Verführungen des Weihnachtsmarktes unterliegt. An seinem Fahrrad ist eine abenteuerliche und vermutlich verbotene Konstruktion angebracht: zwei Holzbalken, einer am Vorderrad und einer am Gepäckträger montiert. Die Balken sind parallel zueinander und senkrecht zum Boden. Sie überragen den Fahrer ein gutes Stück. Dazwischen: ein Banner. Weißes Tuch gespannt vom einem zum anderem Balken. In der Mitte hängt es leicht durch. Darauf steht in großen Lettern: »Tiernutzung abschaffen«.

So geschehen in Braunschweig um Weihnachten herum. Ich habe den guten Mann mehr als einmal gesehen, ich vermute, dass er eine ganze Zeit jeden Tag durch die Gegend geradelt ist. Auch vor dem Burgplatz hat er nicht Halt gemacht, dass dort die Menschenmassen an den Ständen und Buden des Weihnachtsmarktes gedrängt standen war für ihn kein Problem. Zumindest Mittags habe ich ihn direkt dort lang fahren sehen. Was aus ihm wurde weiß ich nicht. Ich vermute er wurde entweder von der Polizei raus gefischt, weil so eine Konstruktion vermutlich nicht »verkehrssicher« ist, oder er wurde eines Tagen vom Wind umgeworfen. (Es war teilweise ziemlich windig und auch ich hatte schon Probleme mich auf dem Rad zu halten, wie es da wohl erst mit so einem Segel sein muss.)

Einschätzung
Aber man muss schon sagen: Kudos für den Mann. Er hat auf eine nicht alltägliche Weise einsam protestiert, während ganz Braunschweig sich auf dem Weihnachtsmarkt vergnügte. Das mit einer abenteuerlichen Konstruktion, die garantiert aufsehen erregt hat. Natürlich bringt das alles nicht wirklich viel. Die Leute sehen es, aber sie verstehen es nicht. Die meisten wissen entweder nichts von den Zuständen auf Bauernhöfen, oder es ist ihnen egal und selbst wenn es ihnen nicht egal ist, sind sie nicht gewillt ihr Verhalten zu ändern. Viele zumindest. Manche Leute hat er wohl dennoch erreicht, aber bestenfalls die, die eh schon überzeugt sind.
Dem Wortlaut selbst kann ich allerdings nicht zustimmen. Ich betrachte Tiernutzung im Allgemeinen nicht als grundsätzlich schlecht. Sie ist schlecht so wie sie aktuell ist und sie wird schlecht bleiben, solange der Mensch sein eigenes Überleben als höherwertiges Gut denn das eines Tieres einstuft. Meine Sichtweise einer fairen Tiernutzung ist eher märchenhafter Natur. Ich denke es sollte einen imaginären Vertrag zwischen Mensch und Nutztier geben. Wer einmal das Verhältnis zwischen einem Reiter und seinem eigenem Pferd gesehen hat, der wird sicher ungefähr wissen was ich meine. Es kann da durchaus zu einer tiefen Verbundenheit kommen, wenn man es nur zulässt. Man kann ein Pferd gefügig machen, aber wirklich erfolgreich ist man nur in einer Kooperation. Auch der Tiermediziner ist von hohem Stand: er versorgt Verletzungen wie Krankheiten von Nichtmenschen. Das kann er ohne Sinn und Verstand tun, aber im Idealfall ist er einfühlsam und erringt das Vertrauen seiner Patienten. Und ist es nicht auch eine Tiernutzung ein Haustier zu halten? Idealerweise einen Gefährten für lange Zeit, der einem in einsamen Stunden Gesellschaft und Mut spendet? Zwar bin ich ein Katzenliebhaber, denn Katzen gefügig zu machen ist schwer und sie haben ihren eigenen Kopf, währenddessen müssen Hunde stark erzogen werden. Aber prinzipiell jedes Tier kann vorteilhaft für beide Seiten gehalten werden.
Genau so und nicht anders sollten wir auch Schweine, Kühe und Rinder, Fische, Krebse, Hühner und alle anderen Tiere halten. So und nicht anders. In einem Verhältnis, das für beide Seiten nutztragend ist. Der Mensch bietet Schutz, Unterkunft und eine gesicherte Ernährung. Im Gegenzug gewährt das Tier ihm nach seinem Ableben die Verwertung des Körpers. Das ist nach wie vor nicht nachhaltig, denn nur die vegane Ernährung kann dem Menschen auf lange Sicht das Überleben auf Erden garantieren, solange die Bevölkerung dieses Planeten zunimmt. Aber es ist eine esoterische Möglichkeit der »Tiernutzung«.

Aber natürlich verdient der einsame Demonstrant viele Kudos. Allein schon dafür einsam zu demonstrieren.

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5 Gedanken zu “Der einsame Demonstrant

  1. Das Problem mit so Vertragskonstruktionen (auch zwischen Menschen) ist doch regelmässig, dass die realen Machtverhältnisse unberücksichtigt bleiben. Wenn eine Seite gezielt Vertragspartner beeinflussen/züchten kann, die mit ihren Vertragsbedingungen einverstanden sein wird, bleibt’s doch Ausbeutung.

    Gegen den Segeleffekt von Transparenten helfen übrigens manchmal auch Löcher. Nur so, falls *das* dich dran gehindert hätte, dir selbst eines ans Fahrrad zu basteln. ;)

    • Hallo vleischi! Ich habe genau so eine Aktion gestern in Berlin gesehen, nur, daß hier mal ein ganz junger Mann auf dem Fahrrad saß! Ich finde übrigens diesen einfachen Satz:“TIERNUTZUNG ABSCHAFFEN!“ genial und genau richtig! Anscheinend macht das Schule! Wir wollen auch so eine Konstruktion für unser Autochen basteln! Macht es doch alle a mit, die ihr das lest und richtig findet! Ich glaube schon, daß es etwas bringt, wenn man solche Statements in die Öffentlichkeit trägt! Ich glaube auch, daß unsere von aufrichtigen Gefühlen getragenen Gedanken etwas bewirken und nicht nur etwas, sondern das Entscheidende! Es ging ja doch alles immer in dieser Reihenfolge, was Mensch geschaffen hat in dieser Welt! Wahrnehmen-Fühlen-Denken-Handeln.

      • Vergiss nicht, dir das vom TÜV abnehmen zu lassen. (Ich schätze du hast keine Chance, aber versuch dein Glück.) Modifikationen, gerade an motorisierten Verkehrsmitteln, können ganz schnell teuer werden. Eine Lackierung wäre da klüger.

  2. Probleme mit dem Tüv? Du darfst ja auch einen Dachgepäckträger haben und den beladen. Etwas anderes ist das doch auch nicht! Naja-mal sehen! Ich kann ja dann berichten!

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