Das Ausrufezeichen

Das Ausrufezeichen hat sicherlich der ein oder andere schon gesehen. Es besteht aus einem Strich mit einem Punkt darunter. Je nach Ethnie hat es auch eine leicht veränderte Form. Häufig ist beispielsweise eine angedeutete dreieckige oder konische Deformierung. Man ist sich in Expertenkreisen noch uneins, geht jedoch eher von ethnischer Anpassung, als von einer genetischen Mutation aus. Genau wie die meisten Satzzeichen besticht auch das Ausrufezeichen durch einen eklatanten Mangel an Serifen, was sie von der größten Spezies, den Buchstaben, deutlich abhebt.

In domestizierter Form ist das Ausrufezeichen ausschließlich als Symbol zur Kenntlichmachung von Ausrufen und Befehlen zuständig. In dieser Form erweist es sich als diszipliniert und weist dabei eine erhebliche Routine auf, selbst wenn die Domestizierung erst kurze Zeit zurückliegt. Wie die meisten Satzzeichen und Buchstaben zeichnet auch das Ausrufezeichen sich durch eine bisweilen hohe Langlebigkeit aus und erfreut gelegentlich mehrere Halter, sogar über Generationen hinweg. Aufgrund der spärlichen Verwendung dieses Satzzeichens sind die meisten Ausrufezeichen jedoch zu einem kurzen und einsamen Leben verdammt und geraten recht bald in Vergessenheit. Lediglich die hochwertigsten Exemplare finden in der gehobenen Literatur Verwendung, wo sie die Zeiten überdauern. Andere Exemplare neigen jedoch trotz ihres schweren Schicksals in der Regel nicht dazu auszubrechen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Ausrufezeichen auch in freier Wildbahn dazu neigt sich so anzusiedeln wie in domestizierter Form (s. U.)
Eine Ausnahme bilden einige wenige Autoren, die sich dem Schutz der Verwendung des gemeinen Ausrufezeichens verschrieben haben. Beispielhaft sei hier Terry Pratchett genannt.1 Der berühmte Autor der Scheibenweltromane vertritt eine geistig sehr reife Ansicht gegenüber der Verwendung des Ausrufezeichens und verwendet wilde und vereinsamte Exemplare dieser Spezies um seine Ansichten zu bekräftigen. Diese Einstellung teilen seine Frau Lyn und viele Leser der Scheibenweltromane (einschließlich des Wizard und des Wizzard of Voz). Diese Bewegung zum Schutz der artgerechten Verwendung des Ausrufezeichens stemmt sich inbrünstig gegen die fehlerhafte Verwendung durch militante Satzzeichenschützer.

In freier Wildbahn wird das Ausrufezeichen häufig als Einzelgänger wahrgenommen und begibt sich höchstens in die Gesellschaft der (artfremden) Buchstaben. Am wohlsten scheint sich das Ausrufezeichen dabei am Ende eines Satzes zu fühlen. Dort nimmt es in Freiheit, wie auch in domestizierten Kreisen eine Schlüsselfunktion ein. Hier kann es florieren und fühlt sich wohl.
Das Ausrufezeichen begibt sich normalerweise nicht in Gesellschaft anderer Ausrufezeichen. Wie die Fortpflanzung in der Natur vonstattengeht ist bisher weitestgehend unerforscht. In domestizierter Haltung erfolgt die Fortpflanzung auf künstlichem Wege durch den Gebrauch von Tinte oder durch Gebrauch der binären Zeichenfolge »00100001«, bzw. anderer EDV-Zeichenfolgen.

Seit der Frühzeit des Internets haben sich mehrere Gruppierungen zum »Schutze« des Ausrufezeichens gefunden, welche, mit mehr oder minder militanten Mitteln, gegen die Domestizierung des Ausrufezeichens protestieren. Dabei werden Ausrufezeichen in großer Anzahl entführt. Diese Exemplare sollen dann auf unterschiedliche Weise gesellschaftlich integriert werden.
Zum einen durch die übermäßige Verwendung als Satzabschlusszeichen. Hierbei wird das Ausrufezeichen am Ende vieler Sätze angefügt. Dies sorgt bei dem neutralen Beobachter für Verwirrung. Neben diesen Folgen für den Menschen birgt es jedoch auch andere Risiken: Zum einen fühlt das Ausrufezeichen selbst sich in dieser Umgebung wenig wohl, da es evolutionär die Gesellschaft von Ausrufen und Befehlen vorzieht. Zum anderen wird dadurch der Bestand des gemeinen Punktes (.) stark eingeschränkt. Experten beobachten in manchen Kreisen der Aktivisten einen Rückgang um bis zu 100 % des Punktes, was verheerende Auswirkungen auf die Umwelt haben kann. (Die sensiblen Conscriptope2 unserer Zeit sind nicht in der Lage adäquat mit einer Flut von Ausrufezeichen umzugehen, während der Punkt ausreichend viele Fressfeinde hat.) Diese Verwendung des Ausrufezeichens ist nicht nur nicht artgerecht, sondern auch in höchstem Maße sinnbefreit. Ein häufiges Beispiel für ein sinnlos gesetztes Ausrufezeichen ist die Verwendung in der Anrede (Bsp.: »Guten Tag!«). Häufig weiß der Angesprochene dadurch nicht, ob er es mit einem Satzzeichenschützer zu tun hat oder ob er sich einfach angebrüllt fühlen soll.

Einige militantere Aktivisten gehen sogar so weit kleinere bis enorme Ansammlungen Ausrufezeichen auf engstem Raum zusammenzupferchen. Ab drei Ausrufezeichen spricht der Gegenaktivist Terry Pratchett bereits von einem Anzeichen für geistige Umnachtung. An dieser Auffassung ist durchaus etwas Wahres: Zum einen ist die erzwungene Gesellschaft anderer Ausrufezeichen für das individuelle Ausrufezeichen nicht artgerecht und überaus schädlich. Es fühlt sich in dieser Gesellschaft nicht wohl und gerät noch rascher in Vergessenheit als bei sinnhafter und einzelner Verwendung. Zum anderen stellt diese Verwendung einen offensiven Angriff auf den Leser dar. Dies ist mit der dauerhaften Verwendung von »Caps Lock« (Feststelltaste) vergleichbar, wobei ganze Sätze in Großbuchstaben geschrieben werden. Erste Anzeichen für kritische Auswirkungen auf die jeweiligen Conscriptope sin erkennbar, wenn die zusammengedrängten Ausrufezeichen einzeln oder mehrheitlich zu einsen (1) mutieren. Hierfür hat sich der Fachterminus »Einself« etabliert.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die sinnfreie und übermäßige Verwendung des Ausrufezeichens nicht nur auf einen kranken Geist hinweist, sondern auch grausam ist und den Autor als kindlich, naiv und ignorant erscheinen lässt.

2Ich gebe zu: Hier herrscht Erklärungsbedarf: »conscript« aus dem Lateinischen für »Schrift« und »top« von »topos« (griechisch) für »Ort«. Angelehnt an den Begriff Biotop.

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