Warum in warmen Ländern scharf gegessen wird.

Habt ihr euch jemals gefragt, warum in warmen Gegenden so oft scharfes Essen bevorzugt wird? Egal ob Afrika, Südasien oder Mittelamerika, scharfes Essen ist fast überall dort zu finden wo es im Sommer brütend heiß ist. In Indien geht man sogar so weit, das Essen sehr scharf zu würzen und zum Essen Lassi zu trinken. Eine Mischung aus Joghurt und Wasser mit Zitrone und in diversen Geschmacksrichtungen. Das Lassi neutralisiert die Schärfe im Mund, sodass es rasch nicht mehr schmerzt.1 Warum das Ganze? Warum erst scharf würzen und dann mit Lassi neutralisieren?
Im Rahmen der Anfangsrecherche für das Sommerthema orientalische, afrikanische und indische Küche habe ich mich damit auseinandergesetzt. Und ich kann euch versprechen: dieser Sommer wird heiß und scharf.

Ein Typ im Internet meinte, in Uganda gäbe es ein Sprichwort: »Out hot, in hot, not hot.« Das bedeutet so viel wie: »Wenn es draußen heiß ist, dann mach es innen [im Körper] heiß, dann ist es nicht mehr heiß.« Also wer scharfes isst, dem ist im Sommer nicht mehr so warm? Für den einen oder anderen kaum vorstellbar, aber ich wusste sofort was gemeint war. Es geht mir nämlich genauso: Immer wenn ich scharf esse, ertrage ich die bis zu 35°C in meinem Dachgeschoss sehr viel besser, als wenn ich mich an mildere Nahrung halte.Warum genau ist das so?
Nun, durch scharfe Nahrungsmittel wird die Durchblutung angeregt und die Hautporen öffnen sich. Ganz ähnlich dem Konsum von Alkohol: habt ihr mal gemerkt wie warm es selbst im tiefsten Winter ist, wenn man einen getrunken hat? Das liegt an der durchblutungsfördernden Wirkung des Alkohols. Aber: Durchblutungsförderung bedeutet auch, dass das Blut besser in die obersten Hautschichten vordringt und wir vermehrt schwitzen. Warmes Blut + Feuchtigkeit an Hautoberfläche = Abkühlung durch Verdunstung. Man fühlt sich nach dem Genuss von Alkohol oder scharfem Essen also wärmer, aber tatsächlich kühlt der Körper aus. Während des Essens ist es also warm, aber bald danach kühlt der Körper aus und die Hitze des Tages ist wesentlich leichter zu ertragen. Das bedeutet jedoch einen erhöhten Flüssigkeitsbedarf.
Die Reizung der Schleimhäute und die erhöhte Durchblutung, verbessert indes auch das Geschmacksempfinden. So wirkt die Schärfe auch noch als eine Art Geschmacksverstärker.

Es gibt noch einen weiteren Grund: in der Wärme jener Länder verderben Nahrungsmittel sehr schnell. Daher wird, in ärmeren Gegenden mit warmem Klima, erst kurz vor der Zubereitung geschlachtet und geerntet. Doch selbst dann können sich Krankheitserreger noch schnell vermehren. Scharfes Essen hingegen wirkt desinfizierend. Nur wenige der üblichen Krankheitserreger können in scharf gewürztem Essen überleben. Scharfes Essen dient also auch als eine Art behelfsmäßiges Konservierungsmittel. Diesen Effekt kann jeder bestätigen, der schonmal mit einer Erkältung scharf gegessen hat: die Symptome verschwinden fast augenblicklich und sind für einige Zeit deutlich reduziert.
Darüber hinaus regt es auch die Darmaktivität an. Gerade indische Currymischungen sind berühmt dafür mild abführend zu wirken. Der Körper wird auf diese Weise zusätzlich etwaige Krankheitserreger los.

Mehr eine Tatsache als ein Grund für scharfes Essen ist Folgendes: Schmerz ist die Körperreaktion auf den Gnuss von scharfem Essen. Schmerz ist verbunden mit der Ausschüttung von Endorphinen, welche auch als »Glückshormone« bezeichnet werden. In Italien etwa sind scharfe Gerichte wie Nudeln »all’Arrabbiata« (auf leidenschaftliche Art, also scharf gewürzte Nudeln) als Speisen für Verliebte bekannt. Scharfe Speisen wirken also berauschend, ähnlich wie Drogen. Das würde erklären, warum die Menschen in Afrika und Indien oft und gerade in armen Gegenden so wundervoll sind. Sie besitzen teilweise gerade das, was sie am Körper tragen und sind trotzdem fröhlich, singen und tanzen und sind von Herzen freundlich. Alles Dinge, die man nicht gerade von allen (vielen?) Deutschen behaupten kann. Oder wie oft sieht man hier Leute auf der Straße singen (ohne dabei zu betteln)?

Schärfe ist eigentlich der Schutz von Pflanzen gegen Fressfeinde. Funktioniert aber scheinbar nicht so gut beim Menschen. Scharfes Essen ist großartig, gesund und darum wird dieser Sommer auch echt scharf.

1Yep, scharf ist kein eigener Geschmack, der von der Zunge wahrgenommen wird. Schärfe ist reiner Schmerz.

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8 Gedanken zu “Warum in warmen Ländern scharf gegessen wird.

  1. Also bei mir darf Essen nur ganz leich scharf sein. Sobald ein gewisses Level überschritten wird, werde ich so aggressiv, dass ich am liebsten alles durch die Gegend werfen möchte.

    • Ich wusste gar nicht, dass scharfes Essen so eine Wirkung auf Menschen haben kann. :D
      Es ist aber tatsächlich Gewöhnungssache. Wie bei so vielen Dingen.
      Hoffentlich werden dann die indischen Gerichte nicht zu scharf für dich sein…

      • Ja, leider. Das furstriert mich, wenn ich mir was koche und dann zu viel Pfeffer reinschmeiße, dass ich es nicht mehr retten kann, da die Zutaten fehlen. Da möchte ich vor Wut weinen.

        Meinst du, ich taste mich da nicht langsam an deine Mengen ran und schmecke zwischendurch nicht ab ? ;)

      • Das bringt mich auf eine Idee für einen Magazinartikel. Danke. ;)

        Da bin ich ganz sicher. Die Krux beim indischen Essen ist aber, dass die Chili schon in der Masala, also ganz zu anfang, mit püriert wird. Da musst du dann abschätzen wie viel du verträgst oder es anders zubereiten.

      • Yay ! Am besten eine paar Krümelchen oder ganz weglassen, wenn es um Chili geht.
        Du weißt ja wie scharf reines Chilipulver ist, nicht ? Mein Freund hat letztens auf etwa 1kg Chili 1-2 TL von dem Zeug reingeschmissen. Verdauungsprobleme und Tränen beim Essen. Mehr sage ich nicht.

      • Klingt nach der Hälfte der Menge, die ich verwenden würde. :D Du kommst besser nie zu meinem traditionellem Jahresabschluss-Chili, das würde dir nicht gefallen. ;D
        Chilipulver nehme ich nur zum Abschmecken, sonst verwende ich frische Chili und Peperoni oder Sambal Oelek. Bei den Frischen lässt sich die Schärfe gut regulieren, denn sie steckt in den Kernen. Peperoni kannst du fast bedenkenlos verwenden, wenn du die Kerne weglässt.

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