Reisebericht London, Teil 1: Schlafen impossible

Paris ist die Stadt der Liebe, Berlin ist die Partystadt und was ist eigentlich London? Sweeney Todd beschreibt sie wie folgt:
„There is a hole in the world like a great black pit
and the vermin in the world inhabit it
and it’s morals aren’t worth what a pig could spit
and it goes by the name of London.

On the top of the hole sit the priviledged few,
making mock of the vermin in the lower zoo,
turning beauty into filth and greed.“
Ich habe lange nach den richtigen Worten gesucht um diese Stadt zu beschreiben, doch ich finde nichts Treffenderes.

Vielleicht hat die Kollegin Katharina bessere Worte gefunden? Schaut doch am besten mal nach, was sie so über die große Insel zu sagen hat: FoodAndBlood Reisebericht

Doch fangen wir von Vorne an.
Der Teufel weiß, was mich da geritten hat, als ich mich bereit erklärte den Trip nach Brügge gegen einen nach Landon auszutauschen. Aber Ryanair fliegt günstiger nach London als die Bahn innerhalb Deutschlands fährt. Das muss man mal erlebt haben. Exakt einmal. Aber vom Flug will ich nicht auch noch anfangen, das würde den Rahmen sprengen… und den Kragen des Ryanair CEO sicher auch.
Beim Landeanflug auf London Stanstedt1 fällt als Erstes das typisch britische Wetter auf: Nebel. Wenn dann noch ein feiner Flüssigkeitsnebel aus der rechten Tragfläche austritt während man gerade über ein Gewerbegebiet fliegt ist der Tag komplett und man will nur noch ins Ho(s)tel. Aber das dauert dann noch etwas.
Der Flughafen London Stanstedt ist leider nicht sehr preiswert an den Londoner ÖPNV angebunden. Per Transfer (Reisebus) geht es in die Stadt: Liverpool ist Endstation für uns. Jetzt nur noch schnell eine Oyster Card gekauft und dann aber ab in die Federn. – Die Oyster Card ist eine Plastikkarte mit Funkchip zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in London. Den Inhaltsstoffen nach ist sie, trotz des Namens, vegan und für Besucher das Günstigste. Doch die Automaten helfen hier nur bedingt weiter, wenn man nicht ganz genau weiß was man will, muss man das Personal bemühen. Immerhin gibt es noch welches. An meiner roten Brille stört sich übrigens keiner und wenn einer komisch schaut ist er garantiert kein Londoner. Zum Glück, denn die U-Bahn-Stationen sind taghell erleuchtet. Schlafen impossible, wenn man nicht das ganze weiße und blaue Licht filtern kann. Aber zum Schlafverhalten der Londoner komme ich noch.
Beim Personal braucht es zwar etwas, aber man begreift: das hat Ahnung und versteht sein Handwerk. Das glaubt man jedenfalls genau so lange, bis man das Guthaben seiner Oyster Card prüfen will und erfährt: der Kerl hat einem eine teurere Travel-Card angedreht. Diese ist für längere Trips zwar geeigneter, aber trotzdem nicht das, was man haben wollte.

Die Züge fahren im Minutentakt. Zum Glück, denn mein Gähnen wird so heftig, dass ich einen Elefanten am Stück in den Mund nehmen könnte. Das Netz ist auch ausgeklügelt, der Bau muss unvorstellbar teuer gewesen sein, zu Stauungen kommt es trotzdem ständig. Zum Glück geht alles glatt und mit einem nachfolgendem Fußmarsch erreichen wir das Generator Hostel in London. Es ist eindeutig auf junge Leute mit großem Bedarf an Alkohol, Musik und „Tanz“ ausgelegt. Aber wenn man hier einfach nur pennen will geht das auch klar, es ist (meist) ruhig genug dafür, zumindest auf dem Zimmer. Der gemischte 8-Bett-Schlafsaal ist Ehrensache, aus irgendeinem Grund bekommen wir aber einen Vierer… allerdings nicht von der angenehmen Sorte.
Das Gepäck lässt auf mindestens eine Frau schließen, gehört aber tatsächlich einem Chinesen, der mir am nächsten Morgen in gebrochenem Englisch erklärt, dass er Student sei. Das ist mir zwar ziemlich egal, aber in der Nacht war er nützlich: sein Schnarchen klingt als würde eine Boeing zum Start ansetzen und läuft in einer Endlosschleife. Das weckt mich nicht nur zu genau meiner Uhrzeit, sondern gibt mir auch Gelegenheit aus dem Zimmer zu schlüpfen, ohne dass sich jemand über die unfassbar laut krachende Tür beschweren könnte. In die Stadt traue ich mich noch nicht, aber vielleicht morgen. Kings Cross ist nicht gerade das East End, aber als sicher stufe ich es nicht ein. Das machen auch die Myriaden von Kameras nicht wett.2

Diese Stadt versinkt in »CCTV«. In Deutschland würde die Piratenpartei Sturm laufen, die Londoner fühlen sich sicherer durch die 24/7-Überwachung. Es ist als würde hier kein einziges lebendes Wesen wohnen. Ein Eindruck, der sich konstant bestätigt: Die Menschenmassen sind Zombiehorden. Die Zombie-Apocalypse naht nicht, wie es uns die Amis erzählen, sie war schon da. In London lächeln die Menschen nicht. Harmlose Flirts in der Straßenbahn gibt es kaum (und dafür kann ein Zug doch nicht voll genug sein), Nettigkeit? bestenfalls Fassade, wenn überhaupt mal präsent. »Vermin«, das Ungeziefer dieser Welt bevölkert diese Stadt. Ich bin versucht es wie Diogenes zu tun und mich auf die Suche nach einem Menschen zu machen. Meine Suche endet bevor sie beginnt: Es gibt keine.

Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich auch mein Clockwork-Orange-Erlebnis: Eine Dame spielt Freude schöner Götterfunken vom guten »Ludwig van« am Klavier. Sie ist nicht gut, aber ich würde sie trotzdem gerne kennenlernen. Doch ich verwerfe den Gedanken, zu vieles bedarf meiner dringenden Aufmerksamkeit und meine Leser haben Priorität, denn ich verstehe mich als Schützer der Schutzlosen. Höret ihr Schutzlosen: wenn ihr bis hierher gekommen seid ohne eure Urlaubsplanung zu überdenken: fahrt nicht nach London! Die Dame spricht außerdem nur spanisch. Und mit ihrem Freund möchte ich mich im Moment nicht anlegen. Und genau darum geht es hier: unter keinen Umständen auffallen. Unter dem Radar fliegen. Schule 3.0 (die Bachelorstudiengänge sind 2.0). Ich hasse es. »Es gibt nichts Schlimmeres als gewöhnlich zu sein.«

Es ist inzwischen die zweite Nacht und raus traue ich mich noch immer nicht. Diese Stadt schläft niemals, was zweifellos mit dem vielen elektrischem Licht zu tun hat. Sie ist auch so dicht bebaut und besiedelt, dass man sich selbst nachts noch auf die Füße tritt. Da bleib ich lieber im Hostel. Vielleicht morgen.

1Man spricht es, wie man es schreibt, nur, dass das letzte t stumm ist. Aber die Durchsage in der Londoner U-Bahn scheint das nicht begriffen zu haben, die Dame spricht es »Stanstaded« aus.

2Ein Eindruck, der sich viel später bestätigen sollte. In einem »Prank-Call« im Internet erfahre ich, dass ein »Scammer« in King’s Cross seine schmutzigen Abzock-Geschäfte betreibt.

Hier geht’s zum zweiten Teil: Business auf der Commercial Street

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8 Gedanken zu “Reisebericht London, Teil 1: Schlafen impossible

  1. Ich lese die Beiträge in deinem Block wirklich gerne obwohl ich kein Veganer bin und auch niemals einer werden konnte. Du schreibst so schön bissig und regst mich immer wieder zum nachdenken an. Danke dafür und weil es so schön passt hier noch ein Zitat aus einem der besten Filme die jemals gedreht wurden.»Du könntest nicht gewöhnlich sein, selbst wenn du“s versuchen würdest.«

    Viele Grüße
    Lester Burnham

    • Vielen, vielen Dank für deine netten Worte. :)
      Freut mich riesig, dass dir mein Stil gefällt. Ich bekomme sonst nicht viele Kommentare zu meinen Gonzo-Artikeln, da ist deiner dann doch Balsam. Und – auch wenn ich natürlich hoffe, dich zumindest für eine tierproduktärmere Ernährung begeistern zu können – bin ich froh, dass du hier liest. Lass mich fragen: hast du das Gefühl, dass ich hier stark „missionarisch“ bin? Mein Ziel war nämlich stets genau das nicht zu sein und auf diese Weise die Idee der veganen Ernährung zu verbreiten.

      Vielen Dank. Der Film ist wirklich großartig.

      Liebe Grüße.

      • Ich kann dich beruhigen missionarisch finde ich deinen Block nicht und ja du hast mich dazu gebracht, dass ich zumindest manchmal bewusst auf tierische Produkte verzichte.

        Viele Grüße

        Lester

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