Reisebericht Londong, Teil 4: Die Odyssee des Zaubberers

Wenn ihr Tor, äh ich meine natürlich Teil 1, 2 oder 3 noch nicht kennt, dann könnt ihr sie jetzt nachlesen.

Bei Tage lockt die Metropole mit saubereren Orten als Pubs und einschlägigen Straßen. Auch einige kostenlose Angebote gibt es: eine auf Spenden basierende Tour durch die Stadt, die Nationalgalerie und das British Museum sind ebenfalls kostenfrei. Ein Service den man in Deutschland nicht findet, Museen und Bibliotheken kosten, wer dumm ist muss es bei uns bleiben. Was die Tour angeht… sie ist kostenfrei, die Leute machen das aber trotzdem nicht zu ihrem persönlichem Vergnügen: bereits zu beginn der Tour vermittelt der Führer uns, dass er ein Freund »hochwertigen Papiers mit der aufgedruckten Queen« ist. 5 Pfund sind eine durchschnittliche »Spende« und bei etwa 20 Personen pro Gruppe ist das ein ansehnlicher Lohn. In Deutschland wäre das steuerpflichtig, wie es hier ist weiß ich nicht.

Nachdem ich die Tour mitgemacht habe, weiß ich wie ein Londoner sich fühlt: müde. Plötzlich habe ich mich ohne mein Zutun integriert: Die Ellenbogen zu beiden Seiten leicht ausgefahren und meine Füße fliegen nur so über den Asphalt, dadurch spürt man den pochenden Schmerz in ihnen weniger. Der Blick ist steif und leer auf das jeweilige Ziel gerichtet: Tube-Station → Zug → Sitz- oder Stehplatz im Zug → Restaurant… Und da habe ich realisiert: Es ist nach 15 Uhr. Lunch time ist vorbei und die Restaurants, die ich mir leisten kann haben alle geschlossen. Eine weitere Stunde wanke ich durch die Gegend komplett vom Russell Square bis Kings Cross und zurück. Endlich entdecke ich »The King of Falafel«. Hier kostet zwar der Teller extra, man darf ihn jedoch nicht mitnehmen. Schön; immerhin kennt die Dame am Tresen das Wort »vegan« und dessen Bedeutung.
Ich bin von mir erschrocken, selbst die Straße überquere ich wie ein Londoner: Man drückt das Knöpfchen an der Ampel und zählt zehn Herzschläge ab. Das Höchste der Gefühle an Wartezeit. Danach geht man schnellen Schrittes sofort los, sobald eine winzige Lücke im Verkehr ist. Auf Grün wartet hier niemand, in Deutschland würde mich das jedes Mal 10€ kosten.

Ich kann diese Stadt nur hassen, da bleibt mir keine Wahl. Wenn ich schnaube kommt es schwarz heraus; das hatte ich zum letzten Mal als ich aushilfsweise in einer Lackiererei gearbeitet habe. Ich bin ohne erkennbaren Grund hundemüde, mein Schlafrhythmus ist völlig durcheinander gekommen. Nicht nur, dass sich niemand für meine Existenz interessiert, das ist ja auch in deutschen Städten so, aber man nimmt mich nicht einmal wahr; nicht als Menschen zumindest: Stehe ich einem im Weg, bin ich nur ein Hindernis und wenn ich jetzt in der U-Bahn anfangen würde sopran zu singen würden die Leute mich keines Blickes würdigen. Ein englischer Blogger hat’s ausprobiert.
Wenn jemand lächelt oder glücklich zu sein scheint gibt es dafür eine von nur vier möglichen Erklärungen: 1. er ist Tourist und weniger als zwei Tage hier, 2. er ist minderjährig und weit entfernt von der Mündigkeit, 3. er nimmt mindestens ein Antidepressivum oder 4. er ist verliebt; wie verliebt man sich in einer Menschenhorde die in eine Richtung marschiert? – Die Antwort erhalte ich prompt: In der U-Bahn-Station auf der Rolltreppe tippt mir eine gutaussehende schwarze Frau auf die Schulter. Sie sagt mir, dass ihr mein Hut sehr gefiele. Ich fühle mich geschmeichelt und erzähle ihr, dass ich hier im Urlaub bin. Eine Rolltreppenfahrt in London dauert bis zu sechzig Sekunden, viel Zeit zum quatschen. Speeddating auf Britisch. Immerhin bin ich scheinbar nicht ganz unattraktiv für die Londoner, das rettet wir den Tag.

Doch der nächste ist versaut. Und wie sehr ahne ich noch gar nicht. Es ist Tag der Abreise und Wehmut überkommt mich. Wir haben noch einige Stunden in London und besuchen das »Monument of London«. 311 Stufen bis zur Spitze, hoch oben wird man mit einer phänomenalen Aussicht auf die Stadt belohnt. Ich sehe »the Gherkin« und kann mir nicht helfen, auch von hier sieht das Gebäude eher aus wie der Butt Plug Gottes als eine Essiggurke. Ich sehe die Tower-Bridge und das »Eye of London«, die Themse und Wehmut überkommt mich. Eigentlich ist diese Stadt gar nicht so schlecht. Aber das auch nur von oben, unten in den Gassen ist es nach wie vor grauenvoll. Ich starkse die Treppen herunter und habe mein »Brügge-sehen-und-sterben-Erlebnis«: ein dicker US-Amerikaner und seine dicke Familie quälen sich die schmalen Stufen hinauf. Ich kann es nicht fassen und muss mich in die Wand drücken um sie durch zu lassen. Ob sie wohl die Spitze erreicht haben? Wie kann man nur so bescheuert sein?
Unten angekommen erhält man ein Zertifikat, welches bestätigt, dass man die 311 Stufen gemeistert hat. Das und die Aussicht für nur 3 Pfund. Die besten 3 Pfund, die ich in London ausgegeben habe. Klare Empfehlung für alle, die fit genug sind hoch zu marschieren.

Doch es wird Zeit. Ich verkaufe meine U-Bahn Karte an eine britische Touristin für ein paar Pfund. Sie war nur kurz da und die Karte reichte noch perfekt für ihren Aufenthalt und ich bekomme noch etwas Geld raus, Win-Win. Dann gehen wir da hin wo der Bus uns abholen soll, der uns zum Flughafen bringt. Wir verlaufen uns zwar, sind aber zeitig an der Haltestelle. Und warten und warten. Zweifel regen sich in mir. Als der Bus endlich kommt ist es eigentlich schon zu spät. Wir fragen nach und erfahren, dass bei denen die Busse an dieser Haltestelle nie bis zur ausgemachten Uhrzeit warten. Sie fahren immer schon vorher los. WHAT THE FUCK!?
Um die Geschichte kurz zu machen: wir kommen verspätet am Flughafen an. Wir rennen. Wir sind verspätet am Gate und rennen. Aber es ist hoffnungslos. Jede Sekunde, die ein Flugzeug am Boden ist verliert die Gesellschaft Geld. Ryanair wartet nicht. Auf niemanden und obwohl die Treppe des Fliegers noch unten ist erlaubt man uns nicht noch an Bord zu hechten. Gefangen im beschissenem London.

Terravision ist das Busunternehmen. Es bricht den Vertrag dadurch, dass sie ihre Busse nicht zur vereinbarten Zeit an der Haltestelle sind und redet sich damit raus, dass man den Transfer so buchen muss, dass man zwei Stunden vor Abflug am Airport ist. Die dämlichste Scheiße, die ich je gehört habe. Terravision jedoch schaltet auf stur und beantwortet nicht einmal mehr unsere E-Mails. Niemals wieder Terravision!
Wir saßen also am Flughafen fest, abends. Und die ganze Nacht, der nächste Flug geht erst am nächsten Tag. Also buchen wir online für viel Geld einen neuen Flug und müssen feststellen, dass die Drucker an den öffentlichen Computern defekt sind. Wir müssen das Ticket woanders drucken lassen, wofür man uns 10 Pfund pro A4-Seite abknöpft. Mich überrascht gar nichts mehr. Immerhin der Spar-Markt hier hat günstiges Wasser. Die Nacht auf dem Flughafen war grauenvoll, doch sie ging auch vorbei. Am nächsten Tag bemerken wir hinter der Sicherheitskontrolle öffentliche PCs mit… funktionierenden Druckern. Ich hasse, HASSE, HASSE diese Stadt!

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7 Gedanken zu “Reisebericht Londong, Teil 4: Die Odyssee des Zaubberers

  1. Achje, das Ende dieses Artikel hat mich jetzt beinahe in Tränen ausbrechen lassen. Was soll denn das ? Habt ihr bei euch in Deutschland so etwas wie den Konsumentenschutz ? An den würde ich mich nämlich bezüglich des Busunternehmens wenden. 10 Pfund pro A4-Seite ? Bei mir im Copyshop kostet die erste ausgedruckte 0,70 Euro und jede weitere 0,09 Euro D: Das tut weh.

    Aber jetzt hast du wenigstens eine spannende, abenteuerliche Geschichte zu erzählen. Bei mir lief in London (leider ?) alles recht glatt. Einmal kamen wir sogar vor so einem Starbucks-Verschnitt vorbei, da stand ein Sack neben dem Mitarbeitereingang gefüllt mit snacks to go, die für den pingeligen Endverbraucher wohl nicht mehr für den Verzehr in Frage kommen. Meine Mutter, ich und andere Leute, die das keinesfalls nötig gehabt hätten haben uns herausgefischt, was lecker aussah. Nur blöd, dass wir an dem Tag nicht so viel Hunger hatten.

    Ich wünsche mir jetzt, damals einen Reisebericht über meinen Aufenthalt in London für meinen Blog verfasst zu haben :( Aber schön, dass wir beide diese Stadt hassen.

    Deinen Gag „Wenn ihr Tor, äh ich meine natürlich Teil 1,…“ zu Anfang verstehe ich nicht. Wieso Tor ? Wegen der WM ? Dass dieses lustige Teil „The Gherkin“ heißt, wusste ich gar nicht. Für mich sieht es eher so aus wie eines dieser dubiosen russischen Porzellan-Eier (http://www.spar-fux.de/images/produkte/i23/2398-dekoeier12erset.JPG), welchen Sinn und Zweck sie auch immer erfüllen mögen. Auf einen Buttplug wäre ich nicht gekommen obwohl ich immer diejenige bin, die ihre blöden Gedanken nicht zügeln kann.

    • Emotions! :D Vielen Dank. :)
      Danke für den Tipp, versuchen können wir es mal. Aber ich mach mir da wenig Hoffnungen. Meist kommt man an solche Leute im Ausland nich ran.
      Naja, wir haben halt irgendeinen Laden da bitten müssen uns die Tickets auszudrucken und der macht natürlich seine Preise wie er das will. Und weil er Abschaum war hat er halt verlangt, was er wollte.

      Das is cool. Ich finde es echt kotzig, dass so viele Nahrungsmittel einfach weggeschmissen werden, nur weil sie ne Stelle haben, das MHD überschritten ist, oder es einfach anders gewachsen ist als es „soll“. Allein deshalb hätte ich mich da auch bedient. Nötig, oder nicht.

      Wenn man ein gedankenloser Zombie ist , muss London das Paradies sein. Etwas, was es nicht mehr in die Artikel geschafft hat: Ich habe gegen Ende des Urlaubs gesehen, wie ein Typ von der U-Bahn-Tür beinahe erdrückt worden wäre, weil die Bahn ziemlich voll war. Er konnte sich gerade noch rausquetschen, der Türmechanismus hat keinen Milimeter nachgegeben. Es war zwar seine Schuld, weil er nicht auf den nächsten Zug warten wollte, aber trotzdem sollte man meinen, dass es irgendjemand zur Kenntnis nimmt. Fehlanzeige.
      Ich war übers WE in Berlin, da war es ein wenig schöner, als in London.

      Es gab in Deutschland vor einer Ewigkeit mal eine Fernsehsendung: „Geh aufs Ganze!“ Natürlich von irgendner US-Sendung abgekupfert, aber egal. Das war im Prinzip ein einziges großes Glücksspiel mit Psychoterror kombiniert. Da gab es unter Anderem drei Tore, eben das Tor 1, 2 oder 3. Meist war in einem ein Gewinn und in den anderen beiden der Zonk.

      Auch nich schlecht mit den Eier. :D
      Ich weiß nich, vielleicht bin ich einfach zu versaut…

      • Ehe ich es vergesse : Den Londong-Joke ist mir natürlich aufgefallen. Dirty minded you :)

        Ja bitte, probieren. Vielleicht bekommt ihr ja sogar den Flug rückerstattet. Ich drücke euch auf jeden Fall die Daumen !

        Und was ist dann dieser „Zonk“ ? Erinnert mich an „Klonk“ von Terry Pratchett …

      • Tjaha. Aber psst… Der Blog soll ja jugendfrei bleiben… sort of. ^^

        Eine Scheibenweltleserin! Wie schön. =)
        Der Zonk is halt der Zonk. Ein Kuscheltier, das man bei Geh aufs Ganze! als Trostpreis bekam. Ich hab sogar einen da. Ein knuffiges Ding, das sich nich beschreiben lässt. Es is halt ein Zonk. ^^

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