Exkurs: Einsamkeit im 21. Jahrhundert.

Man sollte meinen, wir hätten im Jahre 2014 sämtliche Probleme der Einsamkeit überwunden und gelöst. Wir haben Computer und Internet, Smartphones und soziale Netzwerke; dank moderner Kommunikationsmedien sind wir auch 24 Stunden am Tag miteinander vernetzt und können kommunizieren bis uns der Kopf explodiert.
Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall: nie waren Therapeuten ausgelasteter, nie haben sich mehr Menschen als »sozialphobisch« bezeichnet (früher hätte man von »Schüchternheit« gesprochen, aber sowas übernimmt die Krankenkasse nicht). Warum ist das so? Warum fühlen sich so viele Menschen einsam, haben wenige Freunde und Bekannte, wenn sie doch Internet und Handies haben?

Übrigens: Eine Zusammenfassung dieses Artikels hat mein guter Freund Till in einem Video gebannt. [Vielen Dank, lieber Till. =) ] Wenn ihr also eine kurze Zusammenfassung sucht, hier ist sie:

Nun ja. Soziale Netzwerke sind ein großer Teil des täglichen Lebens vieler Menschen geworden. Ob Facebook, Google Plus, LinkedIn oder all die anderen. Das Konzept ist einfach und brillant: gib mir deine Daten, dann gebe ich dir soziale Kontakte. Es ist ein Spiel mit einer der grundsätzlichsten Ängste der Menschheit: der Angst vor Vereinsamung. Die Angst nicht auf dem Laufendem zu sein, Anschluss zu verlieren, etwas wichtiges zu verpassen. Das geht auf ganz grundlegende Überlebensmechanismen zurück. Der Mensch hat früh gelernt, dass er in der Gruppe stark ist und nur in einer Gruppe gute Überlebenschancen hat. Noch heute sind Einzelkämpfer selten und werden nur sehr selten im Militär eingesetzt. Anschluss zu verlieren oder von der Gruppe als wertlos erachtet zu werden war gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Darum räumen wir der Meinung anderer oft noch heute einen so hohen Stellenwert ein. Das kann so weit gehen, dass sich eine Angst entwickelt. Eine Angst davor sich »falsch« zu verhalten und bei anderen in Ungnade zu fallen.
Aber soziale Netzwerke offerieren uns das Gegenteil: Vernetzung mit denen, zu denen wir passen. Doch selbst wenn man 1000 Freunde in seiner Liste hat die alle ähnliche Interessen haben, kennen wir diese wirklich? Nutzen sie uns wirklich etwas, wenn wir allein zuhause sitzen und traurig sind? Nein. Spätestens ein Stromausfall und schon sind wir allein. Und selbst wenn wir chatten ist das nur ein Scheinkontakt. Auf biochemischer Ebene muss viel mehr passieren. Die Anwesenheit eines anderen, verbündeten Lebewesens, insbesondere die Anwesenheit eines geschätzten Menschen, lässt sich durch nichts ersetzen. Eine einzige Berührung, so unscheinbar sie auch sein mag, schüttet bereits Oxytocin aus. Ruhe, Vertrauen, Verbundenheit, Liebe, sogar sexuelle Befriedigung hängen ganz stark mit diesem Hormon zusammen. Es wird bei jeder Art von Kommunikation, Interaktion und gemeinsam verbrachter Zeit ausgeschüttet, am meisten aber bei physischer Präsenz. Alles andere ist eine Krücke für Junkies und Verzweifelte. Wie es Parfüm für einen Alkoholiker ist: es hilft, aber es vergiftet auch.
Die besten Oxytocin-Stöße erhalten wir durch physischen Kontakt (z.B. Umarmungen), durch Geschenke (sowohl gegebene, als auch erhaltene), durch ein gemeinsames Essen und durch miteinander bestandene Herausforderungen und Abenteuer.
Somit ist auch die Kommunikation über Hilfsmittel auf Dauer nicht abendfüllend. Auch Fernbeziehungen halten in der Regel nur, wenn man sich immer wieder auch physisch begegnet.
Doch Geräte haben noch einen anderen großen Nachteil. Ich sehe Menschen auf der Straße und in der Bahn, in Cafés und selbst in Autos dauernd telefonieren und tippen. Dauernd stehen sie mit ihren Freunden und vor Allem Partnern in Kontakt. Aber: was erzählen diese Menschen einander dann noch, wenn sie sich sehen? »Hallo, wie war dein Tag?« – »Hab ich dir ja alles schon auf dem nach hause Weg erzählt.« – »Ach ja.«
Diese Geräte sind geradezu perfekt um die besten Oxytocin-Spikes des Tages zu umgehen. Geräte zerstören eure Beziehungen! Sie sind gut um Treffen zu vereinbaren, das ist alles. Die modernen Tarife sind somit ein Fluch. Bei den früheren Preisen konnte man sich gar nicht leisten stundenlang mobil zu telefonieren. Heute ist das kein Problem mehr. Und es kann sogar ganz offensiv Beziehungen zerstören. Sein wir mal ehrlich: Liebe und Freundschaft ist alles gut und schön, aber möchtet ihr wirklich ununterbrochenen Kontakt haben. Nie eine Stunde für euch selbst haben? Also ich würde durchdrehen wenn ich nicht einfach mal in ruhe und alleine ein Buch lesen könnte.

Was sagt uns all dies? Eigentlich nur eines: Konsum ist nicht die Lösung unserer Probleme. Es ist vielmehr ein Teil des Problems. Das zeigt sich auch in Bereichen, die auf den ersten Blick überhaupt nichts damit zu tun haben:
Heutzutage ist alles billig. Früher hat man bereits für Nahrungsmittel, sein »täglich Brot« einen Großteil des Einkommens aufbieten müssen. Heutzutage bekommt man Hamburger für einen Euro und weniger. Das Sprichwort »sich etwas vom Munde absparen« kommt aus jenen Tagen. Tatsächlich hatte man hungern müssen um sich etwas wirklich tolles leisten zu können. Durch Globalisierung und »Outsourcing« ist jedoch alles viel günstiger geworden. Produktionsketten erstrecken sich über den gesamten Planeten, was Waren billiger macht denn je. Und wenn man sich alles kaufen kann, warum dann nicht? Also wird konsumiert und konsumiert. Morgen soll es Waffeln geben, drum wird ein Waffeleisen gekauft. Danach wird es ein Jahr und länger nicht benutzt. Man muss ein Bild aufhängen, also kauft man eine Bohrmaschine und weil es gu werden soll und nichts kostet ein Lasergerät noch dazu, welches exakt gerade Linien, parallel zum Erdboden an die Wand wirft. Beides liegt danach nur rum. Ein Knopf am Hemd fehlt? Es wird ein neues gekauft, statt einen der Ersatzknöpfe anzunähen, der Aufwand lohnt sich nicht. Das verschwendet nicht nur Ressourcen und belastet die Umwelt in ungeheurem Maße, es ist auch ein großes soziales Problem. Ich will euch verraten warum:
In einer Welt, in der ein Waffeleisen 200€, eine Bohrmaschine 400€ und ein Hemd 80€ kostet überlegt man sich zweimal, ob man etwas neues anschaffen sollte. Vielleicht hat ja der Nachbar ein Waffeleisen rumstehen, dass er gerade jetzt nicht braucht? Vielleicht an der nächste Nachbar eine Bohrmaschine und kann damit umgehen, vielleicht kann die verhutzelte alte Vermieterin ja gut Knöpfe annähen? Vielleicht könnte man ja eine große Portion Waffeln für alle drei machen und dafür: das Waffeleisen kostenlos bekommen, das Bild vom Nachbarn kostenlos aufgehangen bekommen, den Knopf von der Vermieterin angenäht bekommen. Vielleicht könnte man danach zusammen sitzen und Waffeln mampfen. Waffeln mit Marmelade, die die Dame gegenüber aus Kirschen ihres eigenen Baumes gemacht hat. Vielleicht würde man so freundliche Menschen kennenlernen. Vielleicht könnte man so Bekannte oder sogar Freunde finden. Vielleicht, vielleicht, vielleicht… Vielleicht könnte man ein schwarzes Brett im Hausflur anbringen auf dem jeder Mieter vermerkt was er besonders gut kann und was er verleiht. Vielleicht geht das sogar ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
In einer solchen Welt wäre jedes Mietshaus eine Gemeinschaft. Jeder mit eigenen Fähigkeiten und Werkzeugen. Jeder kann etwas beisteuern und dafür zurückerhalten (Geschenke), ohne dass überall ein Preisschild dran hängt. Und selbst wenn dieses Geben »nur« darin besteht ein Essen zuzubereiten und gemeinsam einzunehmen. Das fördert alles die Gruppe und unser Bedürfnis nach sozialem Kontakt. Es schüttet sogar Oxytocin aus. Und das Erstaunliche ist: es klappt. Man bekommt zurück, was man verliehen hat, einfach weil sich am Ende niemand vor der Gruppe dafür rechtfertigen will, dass er etwas geklaut oder beschädigt hat. Und wenn es doch vorkommt wird die Person aus der Gruppe ausgeschlossen. Niemand aus dem Haus wird ihn mehr achten und respektieren. Solch drastische soziale Konsequenzen fürchten fast alle Menschen, das ist der Grund, weshalb es funktioniert. Und kuriert und schützt man die Welt vor Vereinsamung.

Anmerkung: Wieder ist es mir leider nicht gelungen, alles was ich zu sagen hätte unterzubringen. Manches führt auch einfach zu weit weg von der ursprünglichen Thematik. Aus diesem Grunde empfehle ich für weitere Informationen zum Thema Niko Paechs Vorträge zur Postwachstumsökonomie, sowie sein Buch: Liberation from excess bzw. Befreiung vom Überfluss.

»The things you own end up owning you.«
Tyler Durden – Fight Club (Chuck Palahniuk)

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5 Gedanken zu “Exkurs: Einsamkeit im 21. Jahrhundert.

  1. Zufälligerweise habe ich parallel zur Veröffentlichung deines Artikels hier, und bevor ich ihn überhaupt las, den Entschluss gefasst, allen ünnötigen Scheiß, um es harsch und mit einem Hauch „ich habe die Nase voll“ auszudrücken, aus meinem Besitz zu verbannen.

    Wie viel Gedöhns hast du so bei dir rumliegen ?

    • Achso ja, das war nur der Gedankenkontrollmechanismus meines Blogs. Ein leichtes Kitzeln hinterm rechten Ohr und Kribbeln in den Beinen ist ganz normal, aber es ist völlig ungefährlich, versprochen. :D
      Schon komisch wie sowas manchmal kommt.

      Ach viel zu viel, viel zu viel. ^^

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