Nicht anfassen!, oder: Wie die Hypersexualisierung uns tötet.

Besonders uns Männer.
Männer haben eine geringere Lebenserwartung als Frauen. Das ist kein Zufall, Männer sind – biologisch betrachtet – verkrüppelte Frauen. Das könnte einer der Gründe sein. Ein anderer ist, dass Frauen im Schnitt etwa 10 Jahre später Herzprobleme bekommen als Männer. Aber warum ist das so? Spekuliert wird viel; ich bin jüngst über einen Zusammenhang gestolpert, den ich nicht erwartet hätte. Es sollte ein Artikel darüber werden, dass es in dieser Welt zu wenige Berührungen gibt. Jetzt wird es ein Post (und vielleicht ein kleiner »Rant«) darüber, wie dieser Umstand uns umbringt.

Edit: Achtung: Es folgt tatsächlich ein sentimentaler Rant. Aber irgendwo darin findet man auch ein wenig was zum Thema Gesundheit und Wissenschaft, versprochen.

Bild: 'Shake Hands': Petra Bork / www.pixelio.de
Darf es auch ein bisschen mehr als das sein? Pleeease…?

Bild: Petra Bork / www.pixelio.de

Hypersexualisierung. Das ist, wenn es dauernd nur um Sex geht. Und auch wenn es viele nicht wahr haben wollen, nicht sehen, oder nicht akzeptieren: heute geht es dauernd um Sex. Sexualität ist so präsent wie nie zuvor und das nicht nur in der Werbung, wo es seit Ewigkeiten schon so war.
Dies ist ein zweischneidiges Schwert. Eine positive Entwicklung ist fraglos, dass wir alle nicht so verklammt sind den menschlichen Körper und die physische Liebe als etwas sündhaftes zu betrachten. Nun ja, zumindest gelegentlich… zumindest manche… solange es nicht um sie selbst geht. Besonders natürlich, dass Opfer sexuellen Missbrauchs mehr Mut dafür aufbringen können, dies auch öffentlich zu machen, Strafanzeige zu stellen, etc.
Das Problem daran ist, dass die Täter mehrheitlich Männer sind (zumindest bei bekannt gewordenen Fällen) und dass solche Verbrechen eine große Öffentlichkeit haben. Daher wird sowas auch sehr gern in den Nachrichten breitgetreten. Das ist der Grund, weshalb Ängste schwelen. Ängste und Vorurteile.
Ich möchte Erzieher (»Kindergärtner«) werden und bin derzeit in der Ausbildung. Das ist ein toller Beruf und ich bin unendlich dankbar dafür, dass die Eltern der Kinder mich ohne Fragen akzeptiert haben. Aber ich bin mir darüber völlig im Klaren, dass das nicht immer so reibungslos abläuft. So wurde ich beispielsweise schon in einem Vorstellungsgespräch gefragt, wie ich auf Eltern reagieren würde, die besorgt sind, dass ich pädophil sein könnte. Unter uns: einen Bewerber das zu Fragen ist wirklich fies. Ich frage mich ob auch eine Bewerberin sich dieser Frage stellen muss.
Es zeigt anschaulich die Erwartungshaltung, die man gegenüber Männern allgemein an den Tag legt. Diese ist überaus negativ. So sehr, dass wir Männer inzwischen unsere Unschuld beweisen müssen. Vielleicht noch nicht unbedingt vor Gericht, in der Öffentlichkeit aber in jedem Fall.
Und das schürt unsere Ängste. Um ja keinen Zweifel an unserer Redlichkeit aufkommen zu lassen fragen wir uns ständig was wir eigentlich noch dürfen und was schon übergriffig ist.

»Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen.« auf deutsch übersetzt: »Du hast einen schönen Busen.«, wird heutzutage von so manchem schon als sexuell übergriffig betrachtet. Wo ist dann die Grenze? Rainer Brüderle weiß es genauso wenig, wie jeder andere.

Sprüche sind das eine, Berührungen das andere. Aber durch diese allgemeine Verunsicherung scheuen Männer sich heutzutage schon vor völlig platonischem Anfassen. Anfassen, allein das Wort hat etwas schmutziges, oder?
Ich habe eine gute Freundin; zum Gruß umarmen wir uns, aber alles was zwischen Begrüßung und Abschied liegt ist gefährlich. Und es ist nicht ihre schuld, dass sie jede Berührung als »Anmache« interpretiert. Die Hypersexualisierte und zugleich phobische Gesellschaft ist daran schuld. Wir impfen es unseren Kindern bereits ein: jede Berührung kann heutzutage sexuell interpretiert werden, vielleicht einmal abgesehen von einem Handschlag.
Und Männer unter Männern? Noch schlimmer. Wir sind so Homophob geworden, dass wir nichtmal unsere besten Freunde berühren. Wir sind ständigen Zweifeln und Befürchtungen ausgesetzt.

Darf ich sie jetzt an der Schulter berühren? Ist eine Berührung automatisch sexuell gemeint? Bei wem? Wäre das jetzt schon übergriffig? Kommt das schwul rüber? Bin ich vielleicht schwul, wenn ich…? – Im Kopf eines Mannes läuft eine immerwährende Gerichtsverhandlung ab. Männer denken nicht mit ihrem Gemächt, wir denken höchstens darüber nach wie einfach es ohne sein könnte.

Dies scheint mir die passende Stelle für einen kleinen Einschub zu sein: Mir ist natürlich völlig klar, dass jeder seine Päckchen zu tragen hat. Nicht, dass jetzt irgendwelche Feministinnen auf den Plan treten und mich hier flamen. Es sollte klar sein, dass ich, aus naheliegenden Gründen, nur von der männlichen Warte aus über das Thema berichten kann. Ich versuche das möglichst akkurat zu tun, hier und da vielleicht etwas übertrieben, aber doch so, wie es sich anfühlt.
Und Männer sind einfach schon verdächtig, weil wir Männer sind. Das ist eine traurige Tatsache. So wie man Frauen früher einmal nicht zugetraut hat eine Führungsposition einzunehmen vielleicht. Ja, das ist wohl ein passender Vergleich. – Bei Frauen gibt es auch keine so geringe Toleranz was die Homophobie angeht. Resultierend daraus vermutlich weniger Hemmungen.

Frauen können Männer so oft auf den Oberarm hauen wie sie wollen, das hinterfragt keiner.

Solange keine klaren Regeln definiert wurden schrecken Männer also häufig davor zurück überhaupt jemanden zu berühren. Daher kommt es in aller Regel nur bei einer Partnerschaft, bzw. einer sich Anbahnenden, zu physischem Kontakt. Oder bei intensiven Freundschaften, wo eben jene Regeln abgeklärt sind.
Das bleibt nicht ohne Folgen, denn es hat ganz erhebliche Auswirkungen auf soziale Bindungen, psychische und – wie ich zu meinem Erstaunen herausgefunden habe – physische Gesundheit.

Womit wir beim Thema wären. (Und das nach so viel Text, ich hoffe, ich muss das nicht kürzen. :-s ) Ein Mangel an Körperkontakt hat viele Folgen, die drei wichtigsten möchte ich hier vorstellen. Dazu ist wichtig zu wissen, was bei einer Berührung biochemisch in unseren Körpern passiert. Und das weiß die Menschheit leider noch nicht gänzlich. Sicher ist jedoch, dass bei Berührungen das sog. »Kuschelhormon« (»cuddly hormon«) Oxytocin ausgeschüttet wird, wie Wasser aus einer Gießkanne. Oxytocin ist für Leser meines Artikels »Einsamkeit im 21. Jahrhundert« bereits ein alter Bekannter. Es wird bei jeder Art sozialer Kommunikation und Interaktion freigesetzt. Körperkontakt ist dabei sowas wie eine Oxytocin-Infusion in Reinform; noch mehr Oxytocin geht kaum. Oxytocin ist also nur der Botenstoff, Auslöser sind vor Allem Berührungen. Die Botschaften sind unter Anderem:

  • Verbundenheit:
    Selbst der introvertierteste Mensch braucht eine »Stammeszugehörigkeit«: Familie und Freunde. Er ist letztlich ein Mensch. Die wenigsten Tiere auf Erden sind reine Einzelgänger und der Mensch ist gewiss kein solches Tier. Darum fühlen wir uns bei physischem Kontakt und erfolgreichen Unterhaltungen wohl. Wäre dies nicht der Fall, wäre der Mensch heute kein Herdentier und mit großer Wahrscheinlichkeit entweder ausgestorben oder hätte sich gänzlich anders entwickelt.
  • Sicherheit und Geborgenheit:
    Berührungen mildern Ängste. Sie senden das Signal: »Du musst das nicht allein durchstehen.« bzw. »Ich bin nicht allein.«, je nach Sichtweise.
    Das ist insbesondere Für Kinder die Mitglieder der Gesellschaft, die am dringendsten auf andere Menschen angewiesen sind – sehr wichtig (siehe Unten). Aber daraus wächst man nicht einfach heraus. Und ja: auch Männer, von denen man erwartet ständig stark (eben der Mann) zu sein, brauchen sowohl Sicherheit, als auch Geborgenheit; erinnert euch an den Spruch: »Hinter jedem starkem Mann steht eine starke Frau.«
  • Oxytocin senkt den Blutdruck und regeneriert das Herz:
    Und das ist wirklich spannend. Das Herz hat tatsächlich Rezeptoren, die auf Oxytocin reagieren. Das Hormon wirkt regenerativ auf das Herz1. Das ist der letzte Beweis den wir gebraucht haben, dass Menschen Herdentiere sind. In der Gruppe sind wir stärker, weil wir Stress besser und länger aushalten können, solange ein intaktes Sozialgefüge besteht.

Jetzt ergibt plötzlich alles Sinn. Es ist als hätte man endlich herausgefunden, wie rum man dieses verdammte, einfarbige Puzzelteil halten muss, damit es passt. Männer leben im Schnitt kürzer als Frauen. Männer haben im Mittel etwa 10 Jahre vor Frauen Probleme mit dem Herzen. Männer sind großen Schwierigkeiten ausgesetzt, wenn es um Berührungen geht und scheuen häufig davor zurück. Verdammt, sogar Paare in glücklichen Partnerschaften leben länger! Alles passt wie die Faust auf’s Auge.

Sometimes I feel I’m always walking too fast (so lonely)
And everything is coming down on me, down on me, I go crazy
Oh so crazy – living on my own.
– Freddie Mercury: Living on my own.

Als Kinder lernen wir Männer drei einfache Regeln:

  1. Du bist ein Mann und somit der Ernährer, du musst stark sein.
  2. Jede Berührung kann dir als von sexueller Natur ausgelegt werden.
  3. Also finde eine Freundin oder gib dein soziales Leben auf.
Zweisamkeit_web_R_K_B_by_Jorma Bork_pixelio.de
Such dir einen Partner oder ein Kuscheltier. In dieser Welt ist kein Platz für eine freundschaftliche Berührung. Zumindest nicht hierzulande.

Bild: Jorma Bork  / www.pixelio.de

Woher kommen diese Regeln? Das ist ein interessantes Thema, aber die falsche Frage. Beginnen wir damit uns zu fragen: Warum rangeln sich Jungs? Das wird jetzt besonders für Eltern sicherlich ein Schockmoment sein… Oder ein Eye-Opener, je nachdem. Jungs rangeln, ketschen und prügeln sich manchmal selbst bei Banalitäten. Das ist nicht einfach, weil sie agressiv sind und dafür ein Ventil suchen, zumindest nicht immer. Das ist auch, weil es eine akzeptierte Form körperlicher Nähe ist, wie meine Lehrerin es einmal formulierte. Ich will nicht behaupten, dass alle Kerle, die wenig Berührungen erfahren haben Boxer werden, aber ein Teil davon sicherlich. Und denkt einmal darüber nach: Ihr kommt in einen Kindergarten und seht zwei Mädels in der Puppenecke nebeneinander sitzen und kuscheln. Da denkt ihr euch nicht viel bei. Sind halt Mädchen, ist vielleicht ein Rollenspiel oder was auch immer. Ersetzt die Mädchen durch Jungen und die Sache sieht schon anders aus. Jungs die irgendwo zusammensitzen und sich streicheln? Oh mein Gott, ich werde niemals Enkelkinder haben!, mag die ein oder andere Mutter (oder auch Vater) da schnell denken. (Ironie-Alarm:) Wenn sich Jungs prügeln werden sie zwar ausgeschimpft, aber immerhin war es ein männliches Verhalten, oder? Also sie konnten ihren Konflikt scheinbar nicht ausdiskutieren, aber immerhin haben sie ihn auf männliche Weise gelöst.
Genau dasselbe gilt für Doktorspiele, oder Brüder, die ihre Geschwister necken. Ersteres ist übrigens auch eine Möglichkeit für Kinder das andere Geschlecht zu entdecken. Man kennt ja erstmal nur seinen eigenen Körper, daher sollte man da nicht dazwischen gehen, besonders da Kinder auch mit drei schon ein Konzept von Intimsphäre und Scham haben. Man sollte es Kindern also auch zugestehen.
Wie auch immer. Es ist auf jeden Fall sehr bedauerlich, dass in dieser Gesellschaft überall gleich sexuelle Hintergedanken unterstellt werden, sodass sogar Prügeleien noch fast wünschenswert sind.


Addendum für starke Nerven:
Ich sagte, dass Berührungen für Kinder sehr wichtig seien. Es gibt dazu tatsächlich Studien. Und lasst mich euch gleich vorweg sagen: Die, auf welche ich mich beziehe, haben kein zugrunde liegendes Experiment. Es handelt sich um Beobachtungen.
René A. Spitz taucht dabei als einer der ersten Forscher auf. Er hat Kinder in entsprechenden Einrichtungen beobachtet und daraufhin den Hospitalismus bei Säuglingen beschrieben. Neugeborene ohne Eltern wurden nach dem zweiten Weltkrieg in Heimen untergebracht, die starke Ähnlichkeit mit Krankenhäusern hatten. Spitz hat dort einige furchtbare Entdeckungen gemacht. Nach Veröffentlichung seiner Beobachtungen haben sich die Zustände grundlegend verändert.
Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber Spitz hat beobachtet wie Kinder, die in den Einrichtungen kaum Körperkontakt und keine Liebe erfahren haben lethargisch wurden und »bizarres« Verhalten an den Tag legten. Die Kinder konnten bspw. ihre Hände nicht richtig koordinieren, weder sitzen, noch stehen und schon gar nicht laufen. Spitz schrieb, dass jeder Schaden, der innerhalb des ersten Lebensjahres angerichtet wird irreparabel sei.

The babies raised in the nursing home environment suffered seriously. More than a third died. Twenty-one were still living in institutions after 40 years. Most were physically, mentally, and socially retarded.
http://dmc122011.delmar.edu/socsci/rlong/intro/social.htm Abschnitt III.C.

Das entsprechende Video will ich hier gar nicht erst verlinken. Ich habe es mir selbst kaum anschauen können.

I go crazy. Oh so crazy – living on my own.
– Freddie Mercury: Living on my own.


 1http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22435448

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