War Nazi-Deutschland tierlieb bzw. vorbildlich in Sachen Tierschutz?

Eine Annahme, die noch immer von einigen unbelehrbaren Menschen angenommen wird ist die, dass der Nationalsozialismus besonders tierfreundlich gewesen sei. Mit den am weitesten greifenden Tierrechten der damaligen Zeit, die auch bis heute unerreicht seien. Diese Leute führen natürlich keine Quellen an, sodass man die damaligen Gesetzesstellen nicht nachschlagen kann. Aber nun gut. Gehen wir einmal davon aus, dass der Nationalsozialismus diese Gesetzte wirklich hatte. Ist das gleichzusetzen mit Tierschutz? Ich sage nein und erkläre auch warum :

Man kann das Falsche aus den richtigen Gründen tun. Wie beispielsweise Fleischesser verurteilen weil sie Fleisch essen, weil man selber Tiere schützen möchte. Und man kann das Richtige aus den falschen Gründen tun. So zum Beispiel den Vegetarismus preisen um das Bild vom makellosen Führer aufrecht zu erhalten. Man kann aber auch etwas Unsinniges tun, damit falsch liegen und auf diese Weise sogar intelligente, gebildete Menschen in eine Falle locken, in der sie sich in Idiotie verstricken, die sie als glorreiche Beweisführung tarnen. Und am Ende beschuldigt jeder jeden und jeder fühlt sich angegriffen und beleidigt und jammert und plärrt und die Fronten sind so verhärtet, dass man weder ein noch aus kommt und es gibt kaum etwas, das diese Situation verbessert. Dieser Fall tritt fast unvermeidbar dann ein, sobald mal wieder einer die Nazi-Keule aus dem Keller holt (was in Deutschland leider auch recht häufig der Fall ist).

Verbreitet ist etwa der Irrtum, dass Hitler die Autobahn erfunden habe. In Wirklichkeit hat er sie nur weiterbauen lassen, weil sie ein wunderbares Mittel war, Kriegsgüter an die Front zu schaffen. Also hat er sie zwar weitergebaut, aber aus völlig falschen Gründen.

Und ebenso verbreitet ist die Annahme, dass Tierschutz im dritten Reich einen besonders hohen Stellenwert gehabt hätte. Diese Behauptung wird gerade in »unseren Kreisen« gerne verwendet um entweder den Tierschutz oder die vegetarische/vegane Lebensweise zu kritisieren. Jüngst auch um – wie Klaus Alfs von seinem eigenem Artikel behauptete – um den moralischen Standpunkt von Vegetariern zu untergraben und zu zeigen, dass Tierschutz nicht gleichzusetzen sei mit der Größe und moralischen Reife einer Nation, wie Gandhi behauptet haben soll.

Erstmal ist zu klären was mit den Nazis wirklich so los war. Und da ist die Antwort sehr diffizil. Hitler litt besonders in späteren Jahren zunehmend an einer chronischen Darmkrankheit und verzichtete auf Anraten seines Arztes weitgehend auf Fleisch als Nahrungsmittel. Die Nazi-Propaganda legte dies aus zwei Gründen als Feature und nicht als Bug aus¹:

  1. Der Führer durfte keine Schwäche zeigen. Der Bevölkerung wurde also eine asketische Lebensweise Hitlers vorgegaukelt und dies als besonders »deutsch« und vorbildlich verkauft.
  2. Fleisch war bei der überwiegenden Mehrheit der Menschen ein besonders wertvolles Lebensmittel, moralisch wertvoll und damit auch eine wichtige Kriegsressource. An der Front diente Fleisch als Nahrungsmittel einem »besseren« Zweck als in den Bäuchen der restlichen Deutchen.

Es läuft also wieder alles auf Krieg hinaus. Hitlers »Vegetarismus« war demnach nicht echt und daher kann man auch nicht behaupten, Hitler sei Vegetarier gewesen. Und selbst wenn: Hitler war auch Nichtraucher und keinem würde einfallen das als Argument gegen Rauchfreiheit ins Feld zu führen. Zwar bezeichnete sich Hitler später auch selbst als Vegetarier, jedoch genauso als Demokrat und Philanthrop. Wenn man Hitler seinen vermeitnlichen Vegetarismus abnimmt muss man ihn also auch als Menschenfreund und Demokraten sehen. Beim nächsten Mal sollte man sich also zweimal überlegen, ob man ihm die Geschichte mit dem Vegetarismus abkaufen will.

Weiterhin habe es bereits viel früher umfassende Tierschutzgesetze im Dritten Reich gegeben. Gehen wir einmal davon aus, dass dies auch zutrifft. Warum solche Gesetze, wenn gleichzeitig Menschen in Lager gesperrt, misshandelt und getötet wurden?

Dies lässt sich genauso auf den Krieg zurückführen. Wir alle wissen, dass die »Produktion« tierischer Nahrungsmittel Zeit- und Nahrungsmittelintensiv ist. Es dauert nunmal seine Zeit bis ein Tier schlachtreif ist und in dieser Zeit nimmt es mehr Energie auf, als es in Form von Nahrungsmitteln abgibt. Wenn man als Nation zu allem Überfluss teilweise auf Nahrungsmittelimporte angewiesen ist und im Krieg mit der größten Seemacht Europas der damaligen Zeit (UK) führt, dann hat man bei tierischer Ernährung ein echtes Problem. Vegetarismus wäre die Lösung gewesen Nahrungsmittelengpässen (die gerade gegen Ende des Krieges unvermeidbar eintraten) vorzubeugen, in der Hoffnung rechtzeitig den »Lebensraum im Osten« als Kornkammer freigeschaltet zu haben. Allerdings sagte Hitler selbst, dass er den Nationalsozialismus nicht hätte durchsetzen können, wenn er die tierische Ernährung verboten hätte, wie es in Heims »Monologe im Führer-Hauptquartier 1941-1944« nachzulesen ist. Es gab während der Nazizeit keine öffentlichen Aufrufe zum Vegetarismus überzutreten und Walther Darré – Reichsbauernführer – wurde zum Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft. Das passt natürlich hinten und vorne nicht zum vermeintlich so geschätztem Tierschutz im Dritten Reich, zumal Darré daran arbeitete die »Fleischproduktion« zu steigern. Moderne Intensivtierhalter treten demnach unmittelbar in seine Fußstapfen ud letztere würde man nur auch nicht gerade als Tierschützer bezeichnen. Vor Allem aber muss man auch beachten, dass das »Reichstierschutzgesetz« hauptsächlich dazu diente Menschen jüdischen Glaubens weiter zu unterdrücken. Die Gesetzgebung ermöglichte das Verbot des Schächtens für alle Juden. So gesehen musste ein solches Gesetz her um die Unterdrückung der Juden umfassend betreiben zu können. Hier kann also keine Rede von echtem Tierschutz sein.

Alle Pseudo-Beweisführungen, die dennoch darauf aufbauen (ja, auch die von Alfs) wollen zeigen, dass Tierschützer, Vegetarier und Veganer, die die Schuldkeule schwingen auch keine besseren Menschen sind. Nur ging es darum eben zu keiner Zeit. Wer das ernsthaft von sich behauptet hat ohnehin einen Dachschaden. Es geht einzig und allein darum, dass Intensivtierhaltung großes Leid verursacht, welches keinesfalls notwendig oder berechtigt ist. Und dass die Tötung von Lebewesen immer ein Akt der Gewalt ist und damit in einer modernen Gesellschaft doch stark in Frage zu stellen ist.

Vor Allem anderen entgeht den genannten und ungenannten Argumentationsführern,der Gegenseite (und zugegebenermaßen auch einigen Veganern und Vegetariern), dass Menschen eben auch Tiere sind. Eine Tatsache, die biologisch nicht zu widerlegen ist. Menschen sind Säugetiere. Darum geht Tierschutz eben nur, wenn alle Tiere geschützt werden. Somit war Nazi-Deutschland gerade kein Vorreiter in Sachen Tierschutz. Denn wer menschliche Tiere in Lager sperrt, misshandelt, foltert und ermordert, der ist kein Tierschützer, egal wie lieb er zu Hühnern, Schweinen oder Rindern ist. Tierschutz geht nur einheitlich oder gar nicht. Selektiven Tierschutz kann es nicht geben. Jeder der behauptet er sei Tierrechtler, weil es genug Menschenrechtler gäbe ist ein Idiot. Jeder der behauptet, dass er Tierschützer sei, weil es genug Menschenschutz gäbe ist ein Idiot. Die Wahrheit ist dagegen sehr simpel: Alle Tierrechtler sind Menschenrechtler, aber nicht alle Menschenrechtler sind Tierrechtler. Darum gilt: Ein Tierrechtler, der in seinen Bemühungen den Menschen außer Acht lässt hat seine Tätigkeit missverstanden und kann nicht als solcher ernst genommen werden. Mit dieser Aussage kicke ich zwar viele, wenn nicht alle, Pseudo-Tierrechtler aus dem Ring, aber da meine Ansicht die wenigsten Variablen enthält und am einfachsten ist, ist sie allen anderen vorzuziehen, ein Prinzip, das Ockhams Rasiermesser gebietet. Zudem stelle ich mich nur auf eine einzige moralische Ebene und das ist die, auf der wir uns allen auf Augenhöhe begegnen und keiner über oder unter dem anderen steht. Und glaubt mir mal: hier ist genug Platz für alle.


¹ Zugegeben, das ist etwas speziell. Die Phrase „Es ist kein Bug, es ist ein Feature!“ bedeutet so viel wie: „Es ist kein Fehler, sondern eine (beabsichtigte) Eigenschaft.“. Das kommt aus der Softwarebranche, wo Bugs Fehler und Features die Fähigkeiten einer Software sind.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s